• Die weiblichen SPD-Mitglieder schauen auf Angela Merkel - und verstehen die Welt nicht mehr (Kommentar)

Politik : Die weiblichen SPD-Mitglieder schauen auf Angela Merkel - und verstehen die Welt nicht mehr (Kommentar)

Tissy Bruns

Schade, dass die SPD keine Not hat. Denn in einem hat Karin Junker, die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen, wirklich recht - Angela Merkels Wahl zur CDU-Vorsitzenden war aus der Not geboren. Ansonsten irrt Frau Junker in fast allem, was sie in ihrem Papier "Die Wahl der Angela Merkel und was das für die SPD bedeutet" aufgeschrieben hat. Besonders denkwürdig ist der Satz: "Von solchen Frauen haben wir nichts."

An diesem Wochenende findet die alljährliche ASF-Bundeskonferenz statt. Schon Franz Münteferings Amtsvorgänger hatten gelegentlich die Anwandlung, dass diese Arbeitsgemeinschaft kaum mehr eine Vorfeldorganisation ist, mit deren Hilfe Frauen außerhalb der SPD für deren Politik interessiert werden könnten. Die ASF ist in erster Linie ein Zusammenschluss von Genossinnen, die in der SPD ihre Art von Lobbyismus betreiben. Als Frau müsste man nicht unbedingt etwas dagegen haben. Denn Fraueninteressen brauchen in jeder Partei eine Power-group, eine eigene Plattform.

Doch Junkers Satz über die neue CDU-Vorsitzende verrät (nicht zum ersten Mal) eine eigenartige Auffassung vom kleinen Unterschied. Die ASF macht ihn nämlich nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern sehr gern auch zwischen den Frauen. Und in dieser Sicht ist Angela Merkel weder mit ihrem Werdegang als "Mädchen" Helmut Kohls, noch mit ihrem steilen Aufstieg in der CDU eine Frau, die vor dem reinen Feminismus Gnade finden kann. Sie ist einfach keine Frauen-Frau.

Die Arbeitsgemeinschaft ist irritiert: Wie kann es sein, dass in der sozialdemokratischen Quotenpartei keine Bundespräsidentin oder Fraktionsvorsitzende anzutreffen ist? Und in der konservativen CDU mit ihrem späten und unverbindlichen Quorum auf einmal eine Frau das Sagen hat? Stellvertretend für die ASF versteht Frau Junker die Welt nicht mehr so recht, aber sie weiß ganz genau: "Mit frauenpolitischem Aufbruch hat das nichts zu tun."

Aber mit Aufbruch. Und die Frauen haben natürlich sehr viel von Angela Merkel. Wenn es um eine SPD-Chefin ginge, würde sich Karin Junker sicher an die klassische feministische Formel erinnern, dass die mangelnde Repräsentanz von Frauen in öffentlichen Ämtern sehr viel mit dem Mangel an Vorbildern zu tun hat. Angela Merkel schafft eines, und das nützt allen Frauen, auch wenn nie ein feministischer Satz über die Lippen der CDU-Chefin kommt.

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf - das ist Verdrängung, aber kein Blick auf das wirkliche Leben. Und der fehlt der sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft schon länger. Im wirklichen Leben gibt es nämlich viel mehr Frauen, die sich den Rastern der frauenbewegten Frauen entziehen als solche, die es noch teilen. Wenn das "Mädchen" und die "Karrieristin" zu wenig feministisch sind, um der ASF als echte Kämpferinnen für die Emanzipation durchzugehen, dann gilt das für die "Hausfrau" ja erst recht und schon längst. Und für die jungen Frauen auch, die überhaupt nicht finden, dass sie eine Frauengruppe brauchen, um ihren Weg zu machen.

Aus solchen Frauen aber besteht die Mehrheit, die Gerhard Schröder zum Wahlsieg verholfen hat. Der übrigens nach Merkels Wahl eine kleine sozialdemokratische Not sieht. Der Bundeskanzler wird der erste Redner der ASF-Konferenz sein. Ohne Merkel, liebe Karin Junker, wäre er wohl nicht gekommen.

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