Politik : …die Welt der Norm gedenkt

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Es lohnt sich möglicherweise, einmal zu überlegen, was die Welt verbindet. Sind es Quarks? Blumengrüße? Gemeinsame Werte und Überzeugungen? Hier die profane Wahrheit: Es sind die Normen. Selbst die Leute von Bin Laden, die das westliche Wertesystem ja bekanntlich rundweg ablehnen, würden ohne normierte Werkzeuge nicht mal einen Knallfrosch montiert bekommen. Und ihr Feind, die globalisierte Wirtschaft, wäre ohne industrielle Normung nichts als ein Haufen loser Bleche, die sinnfrei im Wind klappern. Das ist, wie man es auch immer bewertet, Grund genug zum Innehalten, und deshalb begeht Berlin heute nachträglich, aber dafür umso festlicher den Weltnormentag 2004.

Berlin? Na, jedenfalls begehen ihn die hauptberuflichen Normierer, von denen es allein in Deutschland 26000 gibt. Ihre Lebensaufgabe: Die Sachen müssen weltweit zusammenpassen, was nicht passt, wird passend gemacht, und zwar zackzack. Beim Festakt abends in Berlin hält Minister Clement eine Rede zum Thema „Deutschland zukunftsfähig gestalten“, die vermutlich zur Feier des Tages einen besonders hohen Anteil genormter Versatzstücke enthält und deshalb auch in China oder Patagonien problemlos zum Einsatz kommen könnte.

Doch es geht den Normern längst nicht mehr nur darum, dass der Schraubenschlüssel die Schraube kraftvoll packt und das Papier in den Kopierer passt. Denn all das ist ja geregelt bis ans Ende des heute bekannten Universums. Die neuen Normthemen sind Finanzdienstleistungen. Konformitätsbewertungen. Implementierungspläne.

Bitte? Moderne Normung ist wie Treibsand, ihre Begriffe sind ungefähr so konkret wie die Lieblingsworte strukturalistischer Philosophen... oder das hier: „Über 70 Experten kamen zum Kick-off-Workshop zur Entwicklung international anerkannter Qualitätsstandards für E-Learning". Schreibt das German Institute for Standardization, das nur noch ganz verschämt unter dem Kürzel DIN firmiert. Ob der Minister weiß, was er tut, wenn er heute den DIN-Preis „Best Practice“ verleihen hilft?

Es ist also wohl gut, dass unsere 26000 Normspezialisten mit ihren Implementierungsplänen und Konformitätsbewertungen nicht auch noch auf die deutsche Sprache losgelassen wurden. Ihr Konzept zur Rechtschreibreform hätte das Land komplett bewegungsunfähig gemacht. Und die Bin Ladens würden dann ihre Schraubenschlüssel überhaupt nicht mehr brauchen. bm

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