Politik : Die Welt im Opernglas

Von Rüdiger Schaper

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Ein bizarres Krippenspiel steht morgen auf dem Programm der Deutschen Oper. „Idomeneo“ wird endlich wieder aufgeführt, die Weisen aus dem Abendland eilen herbei, unter Sicherheitsvorkehrungen wie sonst nur bei einem neuralgischen Staatsbesuch. So klingt das Mozart-Jahr in Berlin als schale Posse aus; ein Jahr, das der Hauptstadt eine Opernkrise nach der anderen gebracht hat.

Warum nicht gleich so? Spitzenpolitiker von Bund und Land wollen mit ihrem vorweihnachtlichen Besuch für die Freiheit der Kunst demonstrieren und jene schon nicht mehr ganz frische Inszenierung von Hans Neuenfels in Augenschein nehmen. Ihre chaotische Absetzung erregte weltweit Aufsehen.

Die blutigen Häupter der Religionsstifter. Darum drehte sich der Skandal. Um ein Nachspiel von nicht einmal einer Minute. Um den kunstvoll modellierten Kopf des Propheten Mohammed. Es empfiehlt sich die Benutzung eines guten Opernglases, will man den Coup des Regisseurs am Ende nicht verpassen. Im Lichte einer mehrstündigen Aufführung wird sich dann auch manches mutwillig herausgelöste Detail anders darstellen. Ähnlich wie beim Karikaturenstreit wurde sich über Dinge ereifert, die kaum einer selbst gesehen hatte. Erschreckend, wie in einer von Informationen überfluteten Welt das Gerücht floriert.

„Idomeneo“ bleibt eine Lektion, wie fragil unser Selbstverständnis ist. Wie atemberaubend schnell zivilisatorische Werte zerbröseln, wenn man sich nur im entferntesten bedroht wähnt; es kann immer wieder passieren, ein anonymer Anruf genügt. Dass sich Vertreter der Muslime den Neuenfels’schen „Idomeneo“ jetzt nicht ansehen mögen, kann man ihnen nicht vorwerfen. Die Freiheit der Kunst erlaubt auch, dass man zuhause bleibt, wie bei freien und geheimen Wahlen. Nur Diktaturen ordnen an.

Hysterie aber, daran wurden wir auf absurde Weise erinnert, gehört zum Wesen der Oper wie Belcanto oder Götterdämmerungen, je nach Geschmack. Hysterie: Das meint ungebremste Exaltation, emotionalen Meltdown, fatale Wirrungen von Herz und Verstand. Auf der Bühne, nicht in der Politik! Hysterie (abgeleitet vom altgriechischen Wort für Gebärmutter) war bis ins 20. Jahrhundert hinein als krankhafte weibliche Gemütsverfassung verschrien. Erst mit Hofmannsthal, dem begnadeten Opernlibrettisten, und Sigmund Freud wurde sie zum Begriff für moderne Kunst. Auch darum ging es erstaunlicherweise im verflossenen Jahr, bei „Idomeneo“ und bei der so genannten Frankfurter Spiralblockaffäre: Ob die Kunst darf, was sie darf.

Man hat die Oper lange Zeit als anachronistische Kunstform angegriffen. Nun erlebt sie eine Renaissance – weil im Schauspiel wie in der Bildenden Kunst das trocken-diskursive, analytische Moment vorherrscht. Eine alte Geschichte, wir haben sie anno 2006 neu erlebt: Musiktheater erfüllt Sehnsüchte, die anderswo ungestillt bleiben. Man geht wieder in die Oper.

Apropos: Idomeneo ist ein König, der sich gezwungen sieht, einen Sohn zu opfern. Rein symbolisch lässt sich Oper überhaupt nicht ohne Menschenopfer denken. In Berlin aber bricht die Realität in das Ritual ein. Drei Opernhäuser hängen im Schwitzkasten der Opernstiftung. Der Topf ist zu klein, die Kulturpolitik konfus, und Bundeshilfe scheint ferner denn je. Auch 2007 wird ein unterhaltsames, wenn nicht dramatisches Opernjahr.

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