Die Welt im Umbruch - Wo steht Europa? : Mit einer Stimme sprechen

Das erfordert allerdings effektivere Strukturen für ein gemeinschaftliches Handeln der Europäischen Union.

Hermann Rudolph
Hermann Rudolph
Hermann Rudolph, Herausgeber des Tagesspiegels, moderiert am 25. Januar die Veranstaltung. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Europa ist eine Erfolgsgeschichte. Noch kaum je hat ein Kontinent, der über die Jahrhunderte hinweg durch Konflikte und Kriege geprägt wurde, einen Zustand von Eintracht und Kooperation gefunden wie ihn der alte Kontinent in Gestalt der EU heute erreicht hat. Aber noch nie ist diese Gemeinschaft auch so herausgefordert worden wie gegenwärtig. Das begonnene Jahr hat dafür unübersehbare Zeichen gesetzt. Gaza und Gas, der Kampf Israels mit der Hamas und der russisch-ukrainische Konflikt, haben Europa aufgeschreckt. Eine Finanz- und Wirtschaftskrise, wie die Welt sie seit den dreißiger Jahren nicht mehr erlebt hat, hält es seit Monaten in Atem und wird auf lange Zeit seine Agenda bestimmen.

Fast tritt dadurch in den Hintergrund, in welchem dramatischen Maße der Horizont dieser Ereignisse eine Welt ist, die sich im Umbruch befindet. Das große Aufatmen nach dem Ende des kalten Krieges ist schon Vergangenheit. Politisches Handeln hat es heute mit einer unübersichtlich gewordenen Struktur von Staatenwelt und Einflusszonen zu tun. Es steht überdies unter dem Druck der wirtschaftlichen und finanziellen Globalisierung und ist konfrontiert mit zivilisatorischen Herausforderungen, wie sie die Menschheit bisher nicht gekannt hat. Und rasant verändert hat sich auch das Staatensystem selbst. Die Ära Bush hat die USA geschwächt, China, Indien und Russland haben an Bedeutung gewonnen, der Nahe Osten ist ein Unruheherd, mit dem Iran als bedrohlichem Zentrum. Und der neue amerikanische Präsident ist zwar eine Hoffnung, aber welche Rolle er wirklich spielen kann, ist noch im Schoße der Zukunft verborgen.

Das alles wirft die Frage nach der Rolle Europas auf. Die Europäische Union kann sich nicht damit zufrieden geben, dass es für seine Mitglieder viel erreicht hat Der Blick auf die weltpolitischen Turbulenzen legt den Schluss nahe, dass die Zeit des Schönwetter-Europas, das sich in den legendären Brüsseler Nachtsitzungen und den Auseinandersetzungen um seine Konstitution erschöpfte, vorbei ist. Europa muss sich als weltpolitischer Akteur in Form bringen – oder die Probleme dieser Welt werden es überrollen. Das verlangt nicht nur nach einer befriedigenden Antwort auf das alte Dilemma, dass Europa bis heute nicht in der Lage ist, mit einer Stimme zu sprechen. Es erfordert dringlich auch effektivere Strukturen für das Handeln der Gemeinschaft. Ohne sie würde der Zusammenhalt der seit 2004 vergrößerten Gemeinschaft in Frage gestellt werden.

Vor allem aber muss Europa sich über sich selbst klar werden. Nur wenn es sich über seine Möglichkeiten, aber auch über deren Grenzen Rechenschaft gibt, wird es in der gewandelten weltpolitischen Situation seinen Ort finden. Wie weit reicht die Verantwortung, die die Gemeinschaft übernehmen muss? In welchem Maße muss die Union sich in den Krisenherden der Welt engagieren,wenn sie ihren Werten und Wurzeln treu bleiben will, und wo beginnt die Überforderung ihrer Kräfte? Was heißt heute überhaupt, Europäer zu sein? Und was hat Europa der Welt zu bieten?

Die drei Politiker, die sich in den „Reden über Europa“ diesem Thema stellen, besetzen als Außenminister ihrer Länder im europäischen Disput herausragende Positionen. Mit dem tschechischen Außenminister Karel Schwarzenberg und seinem französischen Kollegen Bernard Kouchner repräsentieren sie au ßerdem die gegenwärtige und die vergangenene Präsidentschaft der EU. Frank-Walter Steinmeier verbindet mit seinem Amt die Kanzlerkandidatur der SPD.

Sonntag, 25. Januar, 11 Uhr

Staatsoper Unter den Linden (Deutsch / Französisch). Begrüßung durch Ronald H. Adler, Kommissarischer Intendant und Operndirektor der Staatsoper Unter den Linden und Christina Weiss, Vorsitzende des Kuratoriums der Allianz Kulturstiftung.

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