Politik : Die Welt trifft Mecklenburg-Vorpommern

Die Tourismus-Manager der Ostseeküste erwarten durch den G-8-Gipfel einen Aufschwung für die regionale Reisebranche

Andreas Frost[Heiligendamm]

Baden und Angeln werden nur vom Strand aus erlaubt sein, alle Boote müssen im Hafen bleiben. Kinderwagen und Fahrräder dürfen in einigen sensiblen Bereichen nicht unbeaufsichtigt stehen gelassen werden. Staus, Sperrungen und Umleitungen werden wegen der in Wagenkolonnen vorbeirasenden Staatsgäste und zu erwartender Polizeieinsätze gegen nicht angemeldete Demonstrationen unvermeidlich sein. Dennoch hat kaum ein Urlauber eine geplante Reise in die Region um den G-8-Gipfelort für Anfang Juni abgesagt, sagt Tobias Woitendorf, Sprecher des Tourismusverbandes Mecklenburg-Vorpommern. „Der Gipfel wurde vor zwei Jahren angekündigt, wir haben alle Reiseveranstalter rechtzeitig über mögliche Einschränkungen informiert.“ Woitendorf will sogar von manchem neugierigen Zaungast wissen, der sich rechtzeitig um eine Unterkunft in der Nähe der Polit-Prominenz bemüht hat.

Bereits seit Anfang des Jahres glaubt Schwerins Wirtschafts- und Tourismusminister Jürgen Seidel (CDU) einen gewissen G-8-Sog für den Tourismus zu spüren. Die Zahl der Übernachtungen lag zwischen Januar und März um 30 Prozent höher als im selben Zeitraum 2006. „Das kann nicht nur am warmen Winter gelegen haben“, sagt Seidel. Kurzfristig wird der G-8-Gipfel die Hotel- und Pensionszimmer Anfang Juni füllen, der Tourismusverband rechnet mit „25 Millionen Euro“ an zusätzlichem Umsatz. Der Verband räumt ein, dass diese Prognose auch darauf fußt, dass die von den Gipfel-Gegnern erwarteten 100 000 Demonstranten nach Mecklenburg-Vorpommern kommen und mehrere Tage in der Region bleiben.

Außerdem versuchen die Mecklenburger einiges zu tun, damit die ungezählten Delegationsmitglieder der G-8-Staaten, bis zu 3000 Journalisten und andere Medienleute, aber auch jeder Anti-G-8-Demonstrant ein Werbeträger für Mecklenburg-Vorpommern wird. Eine vergleichbare Aufmerksamkeit wie durch den bevorstehenden Gipfel wird das Land so schnell nicht wieder bekommen, ist Seidel sicher. Und wer einmal geworben ist, das zeige die Erfahrung, werde schnell zum touristischen Wiederholungstäter. Das Land an der Ostsee belegt längst einen Spitzenplatz, wenn Statistiker errechnen, wo Deutsche in Deutschland urlauben. An internationalen Gästen aber fehlt es den Hoteliers, weniger als fünf Prozent der 24 Millionen Übernachtungen wurden 2006 von ihnen gebucht.

Darum bekamen in den vergangenen Monaten 250 Kellner und Zimmermädchen Crashkurse in Fremdsprachen, des Englischen kundige Gymnasiasten sollen als Ortsführer aushelfen, die Touristen- Information in Kühlungsborn, wo die meisten Journalisten stationiert sein werden, bleibt rund um die Uhr ansprechbar. Für den guten Anfangs-Eindruck bei „Attac, Polizisten und Zaungästen“, so Woitenorf, soll auch eine zweisprachige Broschüre namens „The World Meets MV“ (Die Welt trifft Mecklenburg-Vorpommern) sorgen. Neben Restaurants, Kurverwaltungen und Kultureinrichtungen sind unter „A bis Z“ auch Apotheken, Fundbüros und Waschsalons aufgelistet. Die „Camps“ der G-8-Gegner wie auch viele gipfelkritische Veranstaltungen werden ebenfalls inklusive Kontaktadressen erwähnt. Seidel ist jedenfalls sehr sicher, dass sich die Vorab-Delegationen der G-8-Staaten, die Heiligendamm inspizierten, äußerst wohlgefühlt haben. Und der Minister setzt noch einen drauf: „Mancher fühlte sich selbst wie ein Staatsgast behandelt.“ Die Tourismusbranche der Region hofft, dass auch die 16 000 aus der ganzen Republik zum Großeinsatz abkommandierten Polizisten Mecklenburg-Vorpommern als Urlaubsziel entdecken. Ein zur Vorerkundung entsandter uniformierter Schwabe fotografierte bereits im Bahnhof Heiligendamm die Schmalspurbahn „Molli“. Nicht aus Sicherheitsgründen, sondern „fürs Familienalbum“.

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