Die wichtigsten Fragen : Schweinegrippe: Die Massenimpfung kommt

Das Kabinett hat den Weg für eine Massenimpfung gegen Schweinegrippe frei gemacht. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten dazu.

Sandra Dassler[Adelheid Müller-Lissner],Kai Kupferschmidt[Adelheid Müller-Lissner],Saskia Weneit
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Wie soll sie ablaufen?



Es könnte Deutschlands größte Impfaktion werden. Das Kabinett einigte sich am Mittwoch auf Details für eine Massenimpfung gegen die Schweinegrippe. Die Länder können nun mit den Krankenkassen Vereinbarungen schließen. Grundsätzlich haben alle gesetzlich Versicherten Anspruch auf eine kostenlose Impfung. Derzeit sind 12 850 Bundesbürger mit der neuen Grippe infiziert. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums gibt es 300 bis 500 Neuinfektionen pro Tag. Rund 80 Prozent der Infizierten sind Reiserückkehrer.

Wer wird geimpft?

Im Prinzip kann sich jeder impfen lassen, der möchte. Da der Impfstoff ab Herbst erst nach und nach zur Verfügung steht, sollen zunächst besonders gefährdete Gruppen geimpft werden: chronisch oder Schwerkranke, Schwangere und Beschäftigte im Gesundheitswesen, der Polizei und der Feuerwehr, alles in allem etwa 30 Prozent der Bevölkerung. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt rief am Mittwoch dazu auf, zunächst den Risikogruppen, die einer erhöhten Ansteckungsgefahr ausgesetzt sind, den Vortritt zu lassen. Es werde aber niemand abgewiesen, sagte sie. Denn: „Der beste Schutz gegen Influenza bleibt Impfung.“

Wie wird die Impfung organisiert?

Das entscheidet jedes Bundesland selbst. So soll auf regionale Besonderheiten eingegangen werden können. Ärzte, Krankenschwestern, Polizisten oder Feuerwehrleute können sich in der Regel am Arbeitsplatz impfen lassen. Neben den Gesundheitsämtern werden auch Hausärzte Impfungen anbieten. Die Bürger sollen über Medien, öffentliche Aushänge und Informationen der Krankenkassen informiert werden, wann wo wer geimpft werden kann. Die Länder können dabei auch gezielt bestimmte Personengruppen zur Impfung aufrufen. Einzelheiten werden zwischen den Ländern und Kassen in Impfvereinbarungen geregelt.

Was bringt die Impfung?

Die Impfung bietet nach Angaben des Gesundheitsministeriums einen wirksamen, wenn auch nicht hundertprozentigen Schutz. Eine Woche nach der ersten Dosis wird eine zweite Impfung verabreicht, der Schutz soll zehn Tage später komplett sein. Zwar verläuft die offiziell neue Influenza A (H1N1) genannte Grippe bisher recht mild in Deutschland. Doch Schmidt betonte, dass mit einer Zunahme der Fälle mit schwereren Verläufen und auch Todesfällen gerechnet werden müsse. Aus diesem Grund sei die Vorsorge so wichtig. „Je höher die Durchimpfungsrate, desto höher ist der Schutz für alle Nichtgeimpften“, sagte die Ministerin. Nicht unerheblich sei auch der wirtschaftliche Faktor, da die Impfungen helfen würden, größere Arbeitsausfälle zu vermeiden. Die Impfung gegen Schweinegrippe schützt nach bisherigen Erkenntnissen nicht vor der normalen Grippe.

Welche Gefahren birgt die Impfung?

Die schlimme Grippepandemie von 1918 konnte nicht aufgehalten werden. Inzwischen gibt es aber mit Impfstoffen gegen Influenza schon jahrzehntelange Erfahrung. „Nicht auszuschließen ist jedoch, dass bei breiter Anwendung eines neuen Arzneimittels bislang unerwartete Nebenwirkungen entdeckt werden“, heißt es beim Gesundheitsministerium. Weltweit wurden deshalb Strukturen aufgebaut, die eine Überwachung und Bewertung aller Nebenwirkungen ermöglichen.

Eine Besonderheit des neuen Impfstoffes: Er enthält Verstärker (sogenannte Adjuvantien), die eine größere Ausbeute an Impfstoff ermöglichen. Jörg Hofmann, Leiter des Laborbereichs Virusdiagnostik am Institut für Medizinische Virologie der Charité, hält das aber für unbedenklich. „Mit solchen natürlichen Stoffen gibt es schon Erfahrungen von Impfstoffen gegen andere Erkrankungen, nur ist jetzt die Dosis etwas höher.“ Konservierungsstoffe wie das quecksilberhaltige Thiomersal könnten dafür nach Ansicht des Virologen im „gestreckten“ Impfstoff niedriger dosiert werden.

Was ist mit Schwangeren und Kindern?

Die WHO hat empfohlen, Schwangere vorrangig zu impfen. Denn Daten aus verschiedenen Ländern zeigen, dass Schwangere schwerer erkranken, wenn sie sich mit dem neuen H1N1-Virus infizieren, und dass es unter ihnen auffällig viele Todesfälle gibt. Nach Einschätzung des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) steigt das Risiko mit fortschreitender Schwangerschaft. Andererseits werden klinische Studien, die vor der Zulassung eines Medikaments laufen, nicht mit Schwangeren durchgeführt, so dass Erfahrungen mit eventuellen Nebenwirkungen zunächst fehlen. Sorgen könnten hier wiederum die Adjuvantien machen. Wie das PEI betont, weiß man allerdings aus Tierversuchen, dass sie nicht zu Fehlbildungen oder Fehlgeburten führen. „Aus Anwendungsbeobachtungen weiß man zudem, dass Schwangere in dieser Hinsicht genau das gleiche Risiko für Nebenwirkungen haben wie jeder andere Impfling“, versichert Hofmann.

Gesundheitsministerin Schmidt rät, Kinder vorerst nicht zu impfen und das Ende der klinischen Studien abzuwarten. Kinder mit Vorerkrankungen sollten dagegen geimpft werden.

Wie viel kostet die Impfung?

Pro Doppelspritze hat die Regierung eine Versichertenpauschale von 28 Euro festgesetzt. Darin enthalten sind neun Euro pro Spritze und fünf Euro für die Leistung. Die Gesamtkosten für die Immunisierung der ersten 30 Prozent der Bevölkerung veranschlagt die Regierung auf rund 600 Millionen Euro. Die Kassen gehen von höheren Summen aus.

Wer trägt die Kosten?

Die Impfung ist für Patienten grundsätzlich kostenlos, auch die Praxisgebühr muss nicht bezahlt werden. Bund und Kassen haben vereinbart, dass die Kassen die Kosten für die Hälfte der Versicherten übernehmen werden, das sind etwa eine Milliarde Euro. Lassen sich mehr Menschen impfen, tragen Bund und Länder die Kosten. So soll verhindert werden, dass die Beiträge erhöht werden. Davon gehen die Versicherer zumindest zunächst auch nicht aus. „Dass eine Krankenkasse allein wegen der zusätzlichen Ausgaben für die Schweinegrippe-Schutzimpfungen einen Zusatzbeitrag erheben muss, ist sehr unwahrscheinlich“, sagte der Sprecher des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen, Florian Lanz.

Was ist, wenn nachbestellt werden muss?

Bisher sind 50 Millionen Impfdosen für 25 Millionen Deutsche bestellt. Das Bundesgesundheitsministerium schätzt aber, dass sich am Ende bis zu 56 Millionen für eine Impfung gegen das Schweinegrippevirus entscheiden könnten. Schon am Montag soll deswegen im Kanzleramt ein Treffen von Vertretern von Bund und Ländern stattfinden, in dem über eine Nachbestellung entschieden wird. „Das Bundesgesundheitsministerium plädiert dafür, noch einmal Impfstoff für die Hälfte der deutschen Bevölkerung zu bestellen“, sagte Thomas Schulz, der Sprecher des Gesundheitsministeriums in Thüringen, das derzeit den Vorsitz der Gesundheitsministerkonferenz hat. Das wären etwa 80 Millionen Dosen. Die Krankenkassen würden davon aber nur noch etwa 30 Millionen Dosen bezahlen. Die restlichen Kosten müssten Bund und Länder übernehmen, weshalb auch ein Vertreter des Finanzministeriums am Tisch sitzen soll. „Viele Länder plädieren aber dafür, den Impfstoff in Raten nachzubestellen und nicht alles auf einmal“, sagte Schulz.

Ein Knackpunkt sei auch, was mit dem Impfstoff passieren soll, der in Deutschland nicht benötigt wird. „Das zahlen die Krankenkassen auf gar keinen Fall“, sagte Schulz. Momentan sei vorgesehen, überzählige Dosen an Entwicklungländer zu liefern. Die Kosten würde dann das Entwicklungsministerium übernehmen. Schult hofft aber, dass sich möglichst viele Menschen impfen lassen. Schließlich schütze man nicht nur sich selbst, sondern auch andere. „Impfen ist etwas sehr Soziales.“

Wie ist die Lage in Berlin?

Die Berliner Senatsgesundheitsverwaltung ist nach eigenen Angaben gemeinsam mit den Krankenkassen und öffentlichen Gesundheitsdiensten mitten in den Vorbereitungen für die Impfphase. Frühestens Mitte September soll die Öffentlichkeit über die Organisation informiert werden. Die Situation sei mit 330 Erkrankten bisher undramatisch, sagte eine Sprecherin. „Wir haben täglich im Durchschnitt zwischen fünf und sieben Neuerkrankungen.“ Es bestehe kein Grund zur besonderen Sorge – auch nicht mit Blick auf das Ferienende. Die Schulen wüssten, was zur Prävention und bei Ausbruch der Krankheit zu tun sei. Auf den Berliner Flughäfen wurde übrigens noch kein einziger Passagier mit Schweinegrippe entdeckt. „Wir hatten bisher zehn Verdachtsfälle, alle waren negativ“, sagte Flughafensprecher Eberhard Elie.

Welche Auswirkungen wird die Pandemie auf das Arbeitsleben haben?

Zu einem Bekannten, der schnieft und über leichtes Fieber und Mattigkeit klagt und gerade aus dem Spanienurlaub zurückgekehrt ist, gehen die meisten derzeit wohl lieber auf Distanz. Auch wenn die Symptome der Schweinegrippe meist mild ausfallen: Nicht allein die mangelnde Erfahrung mit dem Erreger, sondern auch der Name schreckt ab.

In Großbritannien, wo sich die Schweinegrippe wesentlich rasanter verbreitet hat als in Deutschland, können Arbeitnehmer sich beim bloßen Verdacht bei einer Hotline des „National Pandemic Flu Service“ melden, ihre Symptome schildern, sich bei zentralen Stellen mit Grippemitteln versorgen und ohne ärztliches Attest zu Hause bleiben. Auch das Schweizerische Bundesamt für Gesundheit denkt offenbar über Ähnliches nach. „In Deutschland stellt sich eine solche Frage derzeit nicht, die Situation ist völlig anders als in Großbritannien, wo jeden Tag so viele Menschen neu erkranken, wie bei uns bisher insgesamt erkrankt sind“, sagte Susanne Wackers, Sprecherin des Gesundheitsministerium. Bis auf weiteres gilt wie bei anderen Erkrankungen: Wer drei Tage fehlt, braucht ein ärztliches Attest.

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