Politik : Die Wirtschaft sägt am eigenen Ast

AUSBILDUNGSABGABE

-

Von Dieter Fockenbrock

Für Hans Eichel wird das neue Ausbildungsjahr mit einem tiefen Griff in seine leeren Taschen beginnen. Eine Milliarde Euro soll der Finanzminister des Bundes vorschießen, damit ein Vorzeigeprojekt sozialdemokratischer Versöhnungspolitik mit dem Wahlvolk realisiert werden kann. Die umstrittene Ausbildungsplatzabgabe kostet den Steuerzahler erst einmal Geld. Die Regierungsparteien setzen aber auch große Hoffnungen in das Projekt: Der peinliche Schlagabtausch mit der Wirtschaft um den Mangel an Lehrstellen fällt künftig aus. So weit die Theorie.

Eichels Finanzvorschuss kommt unerwartet. Denn eigentlich sollten die ausbildungsrenitenten Unternehmer zur Kasse gebeten werden. Sie sollten die gerechte Strafe dafür zahlen, dass andere Firmen fleißig Lehrlinge einstellen, die Verweigerer selbst sich aber Geld und Mühe ersparen, für qualifizierten Nachwuchs zu sorgen. Eichel muss die Belohnungsprämie für ausbildungsbereite Firmen vorfinanzieren, bei den Verweigerern wird später abkassiert. Es dauert Monate, Säumnisquoten und Strafsteuern zu berechnen und die Zahlungsbefehle einzutreiben. Bis dahin hat längst das neue Ausbildungsjahr begonnen.

Die Ausbildungsabgabe ist so kompliziert, dass sie sich schon vor ihrer Einführung ad absurdum führt. Trotzdem hält die Mehrheit der SPD und von den Grünen daran fest, weil die Regierungskoalition glaubt, damit Punkte sammeln zu können. Die Einführung dieser Abgabe soll zeigen, dass Rot-Grün nicht nur Arbeitslosen, Wenigverdienern und Rentnern etwas abverlangt, sondern dass die Schröder-Koalition auch die Unternehmer in die Pflicht nimmt, die ohnehin schon Steuern verweigern und Arbeitsplätze massenhaft ins Ausland verlagern. Die Ausbildungsplatzabgabe als Reformbeitrag des Unternehmerlagers – zumindest als ein kleiner.

Doch ist die betriebliche Ausbildung überhaupt noch der richtige Prüfstein für die gesellschaftliche Verantwortung der Wirtschaft? Jahrzehntelang galt das duale System der deutschen Ausbildung als Modell. Lehrlinge lernten die Praxis im Betrieb, die Fachtheorie in den staatlichen Schulen. Und was kleine oder stark spezialisierte Firmen nicht an Wissen vermitteln konnten, das besorgten überbetriebliche Ausbildungsstätten, die von der Wirtschaft selbst eingerichtet worden sind. So wurde das duale System zum Stolz der deutschen Wirtschaft. Das oberste deutsche Gericht sprach dem dualen System sogar einen verfassungsrechtlichen Rang zu.

Dieser Mythos hat mit dem rasanten technischen Wandel aber nicht Schritt halten können. Computer und Kommunikation fordern völlig neue Berufsbilder, die das bewährte deutsche System nicht schnell genug liefern konnte. Der Büromaschinenmechaniker war noch im Einsatz, als viele Jungen und Mädchen eine Schreibmaschine nur noch aus dem Museum kannten. Hinzu kommt: Handel und Dienstleistung verdrängen die gewerblichen Jobs. Doch Fast-Food-Ketten oder Textilboutiquen bilden lange nicht so viel aus wie Maschinenbauer und chemische Werke. Die klassische Lehre verliert auch deshalb an Bedeutung, weil immer mehr Berufe eine Hochschulausbildung verlangen – drei Jahre an der Werkbank plus Weiterbildung reichen nicht mehr aus.

Noch vor wenigen Jahren gab es sogar Vorstandsvorsitzende großer deutscher Konzerne, die einmal als Stift in ihrem eigenen Unternehmen angefangen hatten. Diese Karriere ist heute undenkbar.

Was hat Industrie, Handel und Gewerbe getrieben, die betriebliche Ausbildung derart zu vernachlässigen und die Politik herauszufordern? Der allgemeinen Spar- und Konzentration-auf-das-Kerngeschäft-Welle sind auch die Lehrlinge und das langfristige Denken zum Opfer gefallen. Die Unternehmen haben sich damit einen Teil ihrer eigenen Zukunft wegrationalisiert. In zwei, drei Jahren wird die Wirtschaft nach dem Staat rufen, weil der betriebliche Nachwuchs fehlt. Statt mit Gewerkschaften kleinlich über das Streichen von vielleicht 100 Euro Weihnachtsgeld für Lehrlinge zu feilschen, hätten sich die Unternehmer und Manager an ihre eigenen Werbesprüche erinnern sollen: Ausbildung ist immer gut investiertes Geld.

0 Kommentare

Neuester Kommentar