Politik : Die Witwe klagt an

Carola Möllemann-Appelhoff wirft der FDP in den Todesanzeigen für ihren Mann vor, ihn vernichtet zu haben

Robert Birnbaum

Die FDP-Spitze schweigt. Was soll sie auch sagen? Jürgen Möllemanns Familie hat ihre Traueranzeige als Anklage formuliert. „Werden uns diejenigen Rechenschaft geben, die auf niederträchtige Weise versucht haben, sowohl den Menschen Jürgen W. Möllemann wie auch sein politisches Lebenswerk zu zerstören, für das er mehr als 30 Jahre leidenschaftlich mit Herz und Seele gekämpft hat?“, fragen die Witwe Carola Möllemann-Appelhoff und die drei Töchter in einer halbseitigen Anzeige in den beiden Münsteraner Lokalzeitungen. Denen, die womöglich nicht wissen sollten, wer gemeint ist, hilft der FDP-Bezirksvorsitzende Heinz-Wilhelm Steinmeier nach: „Das geht in Richtung Bundes- und Landesspitze der FDP.“ Dem Bundesvorsitzenden Guido Westerwelle gelte die Frage, und auch dem neuen NRW-Parteichef Andreas Pinkwart. Vor allem aber wohl Westerwelle: „Wer unmittelbar vor dem Tod Möllemanns von ,diesem Kerl aus Münster’ gesprochen hat, darf sich nicht wundern, wenn die Witwe so reagiert“, sagt Steinmeier.

Eine Antwort auf die Frage der Familie ist schwer vorstellbar. Zumal es ja eigentlich keine Frage ist, sondern eine Zuweisung mindestens von Mitschuld. Eine Interpretation, die auch andere nahe legen. Der CSU-Abgeordnete und Nebenjob-Kolumnist Peter Gauweiler etwa befindet in der „Bild“-Zeitung: „Es ist Unrecht geschehen mit Jürgen Möllemann. Zum Schluss wurde er gehetzt wie ein Wild.“ Ins gleiche Horn stößt der Grünen-Vorsitzende Reinhard Bütikofer. Erst sei die FDP bedenkenlos „ziemlich schlimmen Parolen“ Möllemanns hinterhergelaufen, dann habe sie versucht, ihn „fertig zu machen“. Wenn jetzt von einem Staatsakt für den Ex-Minister und einstigen Vizekanzler die Rede sei, dann sei das „Heuchelei“. „Die FDP sollte den Mund halten“, empört sich der Grüne.

Mit der Staatsakt-Frage will die FDP übrigens nichts mehr zu tun haben. Fraktionschef Wolfgang Gerhardt hatte deswegen beim Kanzleramt vorgefühlt; aber die Bundesregierung sieht nach eigener Auskunft keinen Anlass zum feierlichen Abschied von dem umstrittenen Toten. Ohnehin müsse die Initiative dazu schon von dessen ehemaliger Partei oder Fraktion ausgehen. Auch das Bundespräsidialamt wird nicht von sich aus tätig. Möllemanns Beisetzung, auch das gibt die Familie in ihrer zornigen Anzeige bekannt, soll am Freitag ohnehin nur im engsten Freundeskreis stattfinden.

Ruhe wird es um den Fall danach noch lange nicht geben. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf ermittelt weiter gegen Möllemanns langjährigen Vertrauten Hans-Joachim Kuhl und vier weitere Ex-Mitarbeiter der Landes-FDP. Die Ermittler wollen wissen, woher Möllemann die 840 000 Euro für sein umstrittenes Wahlkampf-Flugblatt hatte. Dass der frühere Wirtschaftsminister und langjährige Vorsitzende der Deutsch-Arabischen Gesellschaft mit guten Kontakten in den Nahen Osten verdeckte Provisionen aus mehreren Waffengeschäften in den 90er Jahren kassiert haben soll, rechnet der Sprecher der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft, Johannes Mocken, allerdings eher der Gerüchteküche zu. Indirekt bestätigt Mocken hingegen, dass die Ermittler bereit waren, das Verfahren mit einem Strafbefehl – im konkreten Fall mit einer Haftstrafe auf Bewährung – zu beenden. Möllemann, berichtet der Staatsanwalt, habe die Verhandlungen von sich aus abgebrochen.

In die Ermittlungen um den Tod Möllemanns sind jetzt auch Spezialisten der Anti-Terror-Einheit GSG 9 eingeschaltet, gab die Staatsanwaltschaft in Essen bekannt- 400 Meter von der Absturzstelle entfernt fand man derweil ein zur Fallschirmausrüstung zählendes „Trennkissen“. Es dient dazu, sich im Notfall vom Hauptschirm zu lösen.

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