Politik : …die WM beginnt

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Das Nähere regelt eine achtseitige Broschüre. Acht Seiten sind notwendig, um das Ticketvergabesystem zu erklären. Geboten wäre vor der Lektüre ein Studium, um das System zu verstehen. Ein, zwei Semester reichen. Aber, nun denn. Seit vergangener Nacht können 913 000 Eintrittskarten für die FußballWeltmeisterschaft 2006 geordert werden. Heute ist der Tag, an dem die WM beginnt.

Die Tickets sind personengebunden und an den Personalausweis gekoppelt. Die WM beginnt am 9. Juni 2006. Gott, wer kann schon so weit vorausplanen. Auch weiß noch niemand, wer gegen wen spielt. Wenn man sich ein Ticket für Spiel 15 am Mittwoch, den 14. Juni bestellt, und das ist dann Iran gegen Bolivien und man ist nicht zufällig Iraner oder Bolivianerin, ist das nicht lustig.

Und wenn man verhindert ist? Tickets weiter zu verkaufen auf dem Schwarzen Markt ist strengstens verboten. Zum Beispiel das Baby hat Blähungen und plärrt. 2003 wurden in Deutschland 706 721 Säuglinge geboren, darunter mit Sicherheit viele von Fußballfans. Bei Babys Blähungen kann man nicht guten Gewissens ins Stadion gehen. Zumindest kann man das Spiel nicht genießen.

Ein anderer Hinderungsgrund ist das Auswandern. Laut der bisher letzten Erhebung, aus dem Jahr 2002, wanderten 623 255 Menschen, die in Deutschland lebten, aus. Viele wissen ja heute noch gar nicht, dass sie im nächsten Jahr auswandern. Das geht manchmal ruckzuck. Viele wissen heute auch noch nicht, ob sie im kommenden Jahr überhaupt noch Lust auf Fußball haben. Gerade jetzt, wo so viel Schlechtes über Fußball zu hören ist, vergeht das Interesse schnell. Es gibt Menschen, die finden Fußball heute megatoll und morgen völlig überschätzt.

Der Hinderungsgrund, gegen den man beim besten Willen nichts tun kann, ist das Sterben. Bis zum Beginn der Weltmeisterschaft ist es noch ein bisschen hin. Es wird in Deutschland, so traurig das ist, aber ganz ordentlich gestorben. Im vergangenen Jahr starben hier zu Lande 853 946 Menschen.

Wenn man alle Hinderungsgründe zusammen nimmt, werden die Spiele vor halbleeren Rängen stattfinden. Die, die extra krank feiern, können schließlich auch nicht hin, weil sie dann in Großaufnahme ins Fernsehen kommen. Auch sehen leere Stadien peinlich aus.

Vielleicht sollte das Organisations-Komitee in Deutschland jetzt erwägen, jedem, der Karten bestellt, einen täuschend ähnlichen, lebensgroßen Pappkameraden als Vertretung mitzuliefern. uem

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