Politik : Die Wunde Walser (Kommentar)

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Wäre Martin Walsers Rede nicht so abgründig ins trostlose Ungefähr abgeglitten, man müsste ihn bemitleiden. Seit gestern steht sein Name felsenfest für der Deutschen Unfähigkeit, sich angemessen eindeutig ihrer Schuld zu stellen. Die Trauerfeier zu Ehren von Ignatz Bubis in Frankfurt hat dies zementiert, hat gezeigt, wie der Name dieses sehr deutschen Schriftstellers von der jüdischen Gemeinde in Deutschland weiter als Wunde empfunden wird. Als eine so tiefe, dass der unberatene Zuspruch, den die Rede bei den damals zuhörenden Politikern erfahren hatte, fortan als Gradmesser für Sensibilität im Umgang mit den deutschen Verbrechen und dem jüdischen Leid gelten wird. Vor Walser kannte die Politik einen in kraftvoll-jovialer Ernsthaftigkeit streitenden Bubis. Nach Walser sah sie einen gebrochenen und, angesichts seines vermeintlichen Scheiterns, letztlich unversöhnlichen Mann. Ob das eine mit dem anderen direkt zusammenhängt, ist nicht gewiss. Aber es steht seit gestern als Vorwurf in der Landschaft. Keiner hatte die Wunde damals weniger und keiner wird sie jetzt so sehr als schmerzlich empfinden müssen wie jene Politiker, die damals wie gestern in Frankfurt dabei waren. Die damals den so ungefähren Worten des Dichters im Beisein von Bubis so großen Beifall schenkten und denen gestern Charlotte Knobloch und Salomon Korn genau dies zum ganz großen Vorwurf machten.

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