Politik : Die Wut der Siedler

Zehntausende protestieren im Gaza-Streifen gegen Scharons Räumungsplan – viele bereiten Entschädigungsklagen vor

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Von Charles A. Landsmann,

Tel Aviv

Damit hatten selbst die Optimisten unter den Siedlern im Gaza-Streifen nicht gerechnet: Am israelischen Unabhängigkeitstag kamen nicht nur einige Tausend, um ihre Solidarität mit ihnen zu demonstrieren, sondern 70 000 protestierten am Dienstagabend mit einem Marsch durch das Siedlungsgebiet gegen die Pläne von Ministerpräsident Ariel Scharon, den Gaza-Streifen und damit alle Siedlungen zu räumen. Wenige Tage vor der Abstimmung der Likud-Partei über den Abtrennungsplan ein deutliches Signal.

Scharons Berater waren sofort um Schadenbegrenzung bemüht: Bei den meisten habe es sich um religiöse Familien von Siedlern aus dem Westjordanland gehandelt, von denen kaum einer der Likud-Partei angehöre. Selbst wenn diese Aussage zutrifft, der Trend ist klar: Bei der letzten Meinungsumfrage stimmten nur noch acht Prozent den Plänen des Premiers zu.

Scharon lud deshalb die drei einflussreichen Minister Benjamin Netanjahu, Silvan Schalom und Limor Livnat vor, die erst kürzlich auf seine Linie umgeschwenkt waren. Sie sollten für seinen Plan kämpfen – vergeblich: Die drei schweigen. Nun will Scharon offenbar zur Notbremse greifen. Er erwägt, die Mitgliederbefragung zu einer Vertrauensabstimmung über seine Person zu machen. Sein Sohn Omri Scharon, ebenfalls Parlamentarier, hat es schon angedeutet: Falls der Plan abgelehnt werde, reiche der Ministerpräsident seinen Rücktritt ein.

Die Siedler beeindruckte weder Scharon, noch ein am Mittwoch im Gaza-Streifen vereitelter Selbstmordanschlag. Wütend hingegen reagierten sie auf ein Interview von US-Außenminister Colin Powell. Er hatte gesagt, er besitze die Zusicherung von Scharons Behörde, dass „die Israelis alle Siedlungen in Gaza verlassen und nicht zerstören werden“. Die Siedler waren empört. Dies sei „ein ungesetzlicher Versuch“ von Scharons Berater Dov Weisglass „private Häuser, private Farmen und Synagogen der PLO zu übergeben“, protestierten sie.

Doch die Siedler wissen auch genau, dass sie dafür beträchtliche Entschädigungszahlungen erwarten dürfen. Und so bereiten sie sich entsprechend vor. Fast alle Einwohner der Siedlungen Kedim und Ganim im Westjordanland haben bereits Anwälte engagiert – Experten in Entschädigungsfragen.

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