Politik : Die Wut des Literaten

Grass nennt Lafontaine einen großen Verräter – doch gegen Rot-Rot-Grün hätte er nichts.

Hans Monath/Matthias Meisner

Berlin - Gegen Koalitionsgespräche zwischen SPD und Linkspartei nach der Bundestagswahl am 22. September hätte der Schriftsteller Günter Grass „nichts einzuwenden“. Denn schließlich sei die Linke eine demokratisch gewählte Partei. „Es müsste im Interesse beider Parteien liegen, sich anzunähern“, sagte der 85-jährige Literatur-Nobelpreisträger im Gespräch für das demnächst erscheinende Buch „Was würde Bebel dazu sagen?“ Zugleich rechnet Grass darin scharf ab mit dem Ex-Vorsitzenden beider Parteien, Oskar Lafontaine. „Es gab in der Geschichte der sozialdemokratischen Partei keinen schmierigeren Verrat, wie den von Oskar Lafontaine an seinen Genossen.“

Geht da was, wie es die Linkspartei ganz gern hätte, oder geht gar nichts, wie alle wichtigen Sozialdemokraten einschließlich des Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück es in den Wochen vor der Wahl immer wieder beteuert haben?

Linken-Chefin Katja Kipping belässt es in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel bei Andeutungen: Durchaus richtig sei es, wenn sich SPD und Linke annähern würden, schreibt sie und unterstützt damit die Grass-These: „Das sagen viele, ohne dass darüber noch allzu ausführlich in der Presse berichtet würde.“ Hinter den Kulissen, so deutet sie an, werde zwischen SPD und Linkspartei längst geredet. Inhaltlich sei doch alles womöglich „gar nicht so schwierig“. Ohnehin ginge es ihr selbst weniger um Personen als vielmehr um politische Positionen.

Doch so einfach ist das wohl nicht zu trennen, wie der SPD-Politiker Wolfgang Thierse betont. Das sei „ja keine tagespolitische Empfehlung, das weiß auch Günter Grass“, sagt er und relativiert damit den Aufruf des Literatur-Nobelpreisträgers zur Aufgeschlossenheit. Zum Personal sagt der Bundestagsvizepräsident, Lafontaine „versucht doch immer noch seinen Einfluss zu nehmen über die weibliche Figur namens Sahra Wagenknecht“. Er kritisiert „die Herrschaften“ in der Linken-Führung, namentlich Gregor Gysi, Katja Kipping und Bernd Riexinger, die ständig die SPD und ihre führenden Protagonisten beschimpfen würden. „Aber dass die Zukunft offen ist, wissen wir auch“, fügt Thierse hinzu. „Ich kann nur empfehlen hinzugucken, welcher Teil der Linkspartei überhaupt koalitionsfähig ist. Die Linkspartei insgesamt ist es nicht.“ Für dieses und die nächsten Jahre sieht der SPD-Mann, der im Herbst aus dem Parlament ausscheidet, „nicht viele Chancen“ – mehr als keine also.

In der SPD gibt es durchaus Stimmen, die eine Tolerierung einer rot-grünen Bundesregierung durch die Linkspartei oder auch eine Koalition mit ihr nicht ausschließen. „Wir sollten für eine starke SPD kämpfen, um am Wahlabend mit großer Offenheit zu sehen, was geht“, sagt etwa die Vorsitzende des Forums Demokratische Linke 21 (DL 21), die baden- württembergische Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis. Diese Position vertritt auch der SPD-Nachwuchs von den Jusos. Doch selbst in der Parteilinken denken viele anders. So distanziert sich etwa Ralf Stegner, Parteichef in Schleswig-Holstein und einflussreicher Sprecher des „Berliner Kreises“, deutlich von rot-rot- grünen Gedankenspielen.

Parteichef Sigmar Gabriel hatte Grass auch in der Kontroverse um dessen Israel-kritisches Gedicht in Schutz genommen, weil er auf die Überzeugungskraft des SPD-Wahlhelfers setzt. Der neue Vorstoß des umstrittenen Literaten dürfte den Spitzengenossen wenig Freude bereiten. Die Union nutzt jede Gelegenheit, um der SPD vorzuwerfen, sie sei in der Bündnisfrage ebenso unglaubwürdig wie vor fünf Jahren Andrea Ypsilanti in Hessen.

Mattheis übrigens verkneift sich den Kommentar zu den Vorwürfen von Grass gegen Lafontaine: „In den Streit der alten Männer mische ich mich nicht ein.“

Hans Monath/Matthias Meisner

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