Politik : „Die Zahl der Tierversuche wird steigen“

Renate Künast über die europäische Chemikalienpolitik und die Suche nach Ersatzmethoden

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In dieser Woche findet in Berlin ein Kongress zu den Alternativmethoden zu Tierversuchen statt. Worum geht es dabei?

Das Wichtigste ist, für die Alternativen zu werben und mehr Finanzmittel für die Suche danach zu investieren. Wir haben einiges in die Forschung zu Ersatzmethoden gesteckt und bemühen uns sehr, diese Alternativen auch einzusetzen. Die Berliner Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch (Zebet) mit ihrem Leiter Horst Spielmann ist quasi die Zentrale. Unser Ziel ist es, den größten Beitrag aller EU-Staaten für die Entwicklung von tierversuchsfreien Prüfmethoden zu leisten.

Dafür ist nur die Zebet zuständig?

Nein, Forschung gibt es in vielen Bereichen. Wir haben einen Tierschutzforschungspreis ausgelobt, der auch auf dem Kongress vergeben wird. Ausgezeichnet wird Christoph Helms von der Universität Freiburg, der einen ganz anderen Weg gegangen ist. Er hat ein virtuelles Testsystem entwickelt, bei dem mit computergestützten Methoden die Giftigkeit von Stoffen berechnet wird. Damit lassen sich mögliche toxische Eigenschaften von Chemikalien ohne jeden Tierversuch vorhersagen. Ein spannender Ansatz.

Wo gibt es keine Tierversuche mehr?

In Deutschland ist es verboten, für Tabakerzeugnisse oder Kosmetika Tierversuche zu machen. Vor Jahren war die Kosmetikindustrie der Hauptfeind der Tierversuchsgegner. Jetzt tritt die Branche auf dem Berliner Kongress auf, um ihre Alternativ-Testmethoden vorzustellen. Das sind vor allem Tests an Zellkulturen, die schmerzhafte Hautverträglichkeitstests an Tieren ersetzen.

Die EU will mit ihrer Chemikalienpolitik Reach tausende Altchemikalien untersuchen lassen. Heißt das mehr Tierversuche?

Mit Reach sollen der Verbraucher- und der Umweltschutz gestärkt werden, auch wenn die Chemieindustrie die Vorlagen schon deutlich verwässert hat. Bei Reach geht es um die Registrierung von rund 30 000 Altstoffen, die zwar schon ewig auf dem Markt aber noch nie auf ihre Wirkung hin getestet worden sind. Ich denke, für einen begrenzten Zeitraum müssen wir hier eine steigende Anzahl von Tierversuchen tolerieren. Aber das ist nur akzeptabel, wenn alle zur Verfügung stehenden Ersatzmethoden angewandt werden. Eine Voraussetzung ist natürlich die zügige Aufnahme aller wirksamen Alternativen im Anhang der Verordnung. Und es muss möglich sein, neue wirksame Methoden später schnell aufzunehmen. Außerdem sollten alle Möglichkeiten genutzt werden, Mehrfachprüfungen für ein und denselben Stoff zu vermeiden.

Wie weit sind Sie denn bei der Vermeidung von Tierversuchen gekommen?

Die Zahl im Jahr 2003 ist zwar leicht unter den Stand des Jahres 2001 gesunken, aber die Zahlen sind immer noch zu hoch. 2003 waren es 2 112 341 Tiere. Aktuellere Zahlen liegen erst im Herbst wieder vor. Es gibt einen Zielkonflikt. Wer Gesundheit und Umwelt schützen will, kommt an einigen Stellen nicht um Tierversuche herum.

Wo sind Tierversuche nicht vermeidbar?

Wenn es um die Behandlung und Erkennung von Krankheiten oder die Prüfung von Stoffen auf ihre Unbedenklichkeit für die Gesundheit von Mensch oder Tier geht. Aber auch hier muss dringend weiter nach Alternativen gesucht werden.

Haben Sie ein Beispiel für den Ersatz?

Ja. Seit Januar haben wir die Abwasserverordnung so geändert, dass 40 000 bis 50 000 Versuche an Fischen durch Fischeier ersetzt worden sind.

Das Interview führte Dagmar Dehmer.

Renate Künast (49) ist seit Januar 2001 Verbraucherministerin. Zuvor war sie Bundesvorsitzende der Grünen. In ihrer Amtszeit bekam der Tierschutz in Deutschland Verfassungsrang.

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