Politik : Die Zeit arbeitet für den Frieden (Leitartikel)

Albrecht Meier

Es ist nicht dasselbe, den Krieg und den Frieden zu gewinnen. Winning the war, winning the peace - wie unterschiedlich diese zwei strategischen Aufgaben sind, zeigt sich derzeit im Kosovo. Der Aufbau einer tragfähigen Friedensordnung ist noch schwieriger als der kriegerische Waffengang. Dieselbe Erfahrung wird Russland in Tschetschenien demnächst nicht erspart bleiben. Und Großbritannien versucht sich schon seit Jahren eines jahrhundertealten Problems aus der Zeit zu entledigen, als über Krieg und Frieden noch in Schlachten zwischen protestantischen Königen und katholischen Jakobitern entschieden wurde. Nun erlebt Nordirland einen erneuten Rückschlag auf dem Weg zum Frieden, denn die Kraft der seit gerade zwei Monaten amtierenden Regionalregierung ist fürs erste erschöpft. Vor allem für den britischen Regierungschef Tony Blair ist diese Erfahrung bitter: Sein Dezentralisierungs-Projekt scheint an der krummen Wirklichkeit im Vereinigten Königreich zu scheitern.

Die Wiedereinführung der britischen Direktherrschaft über Nordirland bedeutet allerdings keine Rückkehr zum Krieg. Eine Entwicklung wie in Spanien, wo die baskische ETA im vergangenen November eine Feuerpause aufkündigte und ihre Terrordrohung auch prompt in die Tat umsetzte, ist in Nordirland nicht zu erwarten. Die pro-irische Terrororganisation IRA wird sich auf absehbare Zeit weiter um eine Auflösung ihrer Waffendepots herumdrücken, aber keine neuen Bomben legen. Die Zersplitterung der Terrorszene wird fortschreiten. Das Augenmerk der britischen Sicherheitskräfte konzentriert sich schon jetzt auf obskure Gruppen wie die "Continuity IRA" oder die "Real IRA", die die sich abzeichnende Friedensordnung bekämpfen.

Aber kann Blair sich damit trösten, dass dieser Schwebezustand - kein richtiger Krieg mehr, aber noch längst kein Frieden - schon für seinen Amtsvorgänger zu den traurigen politischen Gewissheiten gehörte? Schließlich hat sich London auch schon vor der Geburt des Blairschen Dezentralisierungs-Projektes um eine friedliche Lösung des Problems bemüht. Der glücklose Thatcher-Nachfolger John Major war es gewesen, der den Alleinvertretungsanspruch Londons in Nordirland endgültig aufgegeben hatte.

Aber der protestantischen Bevölkerungsmehrheit ist es im Zweifelsfall immer noch lieber, sich von London aus regieren zu lassen. Und der Zweifelsfall heißt: IRA. Es liegt schon eine besondere Ironie darin, dass ausgerechnet die krisenerprobten Briten - im Kosovo hat sich das gezeigt, in dieser Woche wieder bei der coolen Bewältigung des Geiseldramas auf dem englischen Flughafen Stansted - in Nordirland noch kein Patentrezept für die Trockenlegung des Terrorsumpfes gefunden haben.

Oder ist das nordirische Problem schlicht unlösbar? Die Entscheidung des Nordirlandministers Peter Mandelson, die Belfaster Regierung vorläufig aufzulösen, erinnert geschichtsbewusste Zeitgenossen an den 1. April des Jahres 1972, als das "Northern Ireland Temporary Provisions Act" in Kraft trat - ein Gesetz, mit dem die Selbstverwaltung Nordirlands seinerzeit wieder aufgehoben wurde. Der Nordirlandminister hieß damals William Whitelaw, und der nahm in der schlimmsten Zeit des nordirischen Bürgerkrieges heimlich Kontakt mit einem jungen Mann namens Gerry Adams auf, der damals die IRA in Belfast kommandierte. Adams gehört zu den "Helden" jener Zeit, die inzwischen müde geworden sind und die IRA heute zur Abgabe der Waffen überreden wollen. Auf lange Sicht arbeitet die Zeit für den Frieden - und Blair. Der Regierungschef hat immer noch bessere Chancen als seine Vorgänger, Nordirland am Ende auf der Habenseite zu verbuchen.

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