Politik : Die Zeit ist reif

Birthler sieht Bedürfnis nach neuem deutschen Selbstverständnis

Ruth Ciesinger

Auf rund 650 Veranstaltungen wird in diesem Jahr des Aufstands am 17. Juni 1953 gedacht. Kein Wunder, dass bei dieser Fülle manch einer imposante Worte wählt, um sich Gehör zu verschaffen. So spricht bei dem zentralen Festakt Christoph Stölzl als Vizechef des Berliner Abgeordnetenhauses vom „vulkanischen Urereignis der Demokratie“. Bundesratspräsident Wolfgang Böhmer hingegen beschränkt sich auf eine Analyse des Gewesenen und seine eigene Erinnerung. Ein Feiertag müsse der 17. Juni nicht werden, sagt er, aber den Tag und seine Bedeutung für die Demokratie dürfe man nicht vergessen.

Doch warum ist dieses Datum auf einmal ein gesamtdeutsches Großereignis, während es vor kurzem, wie es ein Student nennt, mehr einer „gesamtdeutschen Erinnerungslücke“ glich? Die Zeit sei nicht reif dafür gewesen, sagt Marianne Birthler, Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen. Jetzt aber sieht sie ein großes Bedürfnis nach einem neuen deutschen Selbstverständnis – das lasse sich nicht ohne die Auseinandersetzung mit der historischen Identität finden. Und dazu gehöre auch die „Dankbarkeit und der Respekt gegenüber den Männern und Frauen“, die vor fünfzig Jahren gehandelt hätten, mahnt sie.

Viele von ihnen sind an diesem Abend gekommen, zwei sitzen in der Mitte der Feiernden. Horst Linowski aus Magdeburg, der 1953 zu acht Jahren Arbeitslager verurteilt worden war, und Erika Walter aus Bochum, die als Teenager die Westsicht auf den Aufstand lernte. Beide erzählen – die ehemalige Lehrerin ist leicht erschüttert über das deutschtümelnde Pathos zu Beginn der Bundesrepublik; der ältere Herr hat die Hände fest gefaltet und sagt, dass es ihm hilft, wenn er jetzt „ein Stück Aufarbeitung versucht“. Und dass er ein paar Stunden braucht, um sich wieder zu beruhigen, wenn er von früher erzählt hat. Je länger er spricht, desto mehr Köpfe recken sich, umso mehr wird auf den Stühlen gerutscht. Vielleicht ist Imposantes manchmal einfacher als schlichte Erinnerung.

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