• Die Zinserhöhung ließ die Börsen kalt, nicht aber die neuen Wirtschaftszahlen aus Amerika

Politik : Die Zinserhöhung ließ die Börsen kalt, nicht aber die neuen Wirtschaftszahlen aus Amerika

Rolf Obertreis

An der Börse hat man am Donnerstag die Zinserhöhung durch die Europäische Zentralbank gelassen aufgenommen. "70 Prozent der Börsianer haben diesen Schritt genau in diesem Ausmaß erwartet", sagte Fiedel Helmer, Börsenchef des Bankhauses Hauck & Aufhäuser. Er selbst hat den Zinsschritt zu jetzigen Zeitpunkt nicht einmal für notwendig erachtet. Schließlich gibt es angesichts wieder gefallener Ölpreise und moderater Lohnabschlüsse keinen akuten Inflationsdruck. Aber weil die Börse die Zinserhöhung erwartet hatte, bewegten sich die Kurse danach gar nicht. Nach unten ging es am Donnerstag erst, als neue Wirtschaftszahlen aus Amerika eintrudelten. Hinweise auf ein starkes Wachstum und ein unerwartet hoher Index für die Arbeitskosten ließen dort Inflationsgefahren aufkommen. Dem konnten sich auch die Börsen in Europa nicht entziehen und gaben deutlich nach.

Für den Anleger selbst, so heißt es in Frankfurt, hat die Zinsentscheidung der EZB wenig Bedeutung. Dass er jetzt generell aus Aktien rausgehen und sein Erspartes in festverzinsliche Werte anlegen müsste, sieht kein Börsenexperte. "Die Kapitalmarkt-Zinsen sind immer noch niedrig. Deshalb sind Rentenpapiere keine Konkurrenz zur Aktienanlage", sagte Peter Pietsch von der Commerzbank. Auch Fiedel Helmer sieht keinen Grund, wegen der höheren Euro- Zinsen jetzt Aktien links liegen zu lassen. "An der Ausgangslage auf den Aktienmärkten ändert die Zinsentscheidung nichts.

Dass die jüngste und auch die Zinserhöhungen der Vergangenheit möglicherweise auch dazu beigetragen haben, die Euphorie an den Börsen zu bremsen, sieht man in Frankfurt durchaus positiv. Deswegen hegen die Experten auch keine Befürchtungen, wenn die EZB die Zinsen noch ein wenig weiter erhöhen sollte. Für Fiedel Helmer hat die Börse in den letzten Wochen eine gesunde Konsolidierung erlebt, die viele Werte wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt hat. Viel wichtiger als die EZB ist für die EU-Börsen - über den Umweg der Börse an der Wall Street in New York -, was die US-Notenbank Fed treibt und wie sich das in den Kursen von US-Aktien niederschlägt. Wenn es in den USA runter geht, können sich die Börsen in Frankfurt, London, Paris oder Mailand dem kaum entziehen.

"Generell", sagt Börsenprofi Helmer, "sind die Aussichten am Aktienmarkt weiter positiv". Die Anleger sollten investiert bleiben oder bei einzelnen Aktien, vor allem bei Standardwerten durchaus auch Käufe in Erwägung ziehen. Vor allem die Papiere der so genannten "alten" Wirtschaft - dies sind die klassischen Standwerte - sind derzeit nach Ansicht der Experten zum Teil wieder günstig zu bekommen. Bei Papieren der "New Economy" und damit vor allem den Werten von High-Tech- und Software-Firmen, die in Frankfurt am Neuen Markt notiert werden, ist nach Ansicht von Helmer Vorsicht angesagt. Da sieht er einige Aktien noch deutlich überbewertet. Spätestens in der zweiten Jahreshälfte, wenn sich die US-Notenbank angesichts der nahenden Präsidentschaftswahlen traditionell zurückhält, sehen die Experten für die Börse wieder Potenzial.

Das Jahr 2000 aber, da sind sich die Börsianer relativ sicher, wird den Aktienbesitzern nicht die hohen Kursgewinne bescheren wie 1999. Egal, wie die Geldpolitik der EZB aussieht.

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