Politik : Die Zugvögel sind schuld – oder auch nicht

Ornithologen zweifeln an der These über die Verbreitung des H5N1-Virus. Zu viele Fragen sind noch offen

Dagmar Dehmer

Berlin - Vogelschützer, die ihre Freizeit opfern, um Vögel zu beringen und so ihre Bewegungen überwachen zu können, gelten als eher wunderliche Leute. Doch derzeit sind sie gefragt wie nie. Denn bei der Frage, wie das gefährliche Vogelgrippevirus H1N1 nach Deutschland gekommen ist, gelten Wildvögel derzeit als Hauptverdächtige. „Doch was“, fragte sich Landwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) am Freitag, „wissen wir überhaupt über den Vogelzug?“

Ob das als Ankündigung für mehr Geld für die Vogelzugforschung zu verstehen ist, ließ sich am Montag im Ministerium zunächst nicht klären. Tatsächlich könnten die Vogelwarten in Wilhelmshafen, Greifswald und Radolfzell aber zusätzliche Mittel zur Auswertung ihrer Daten gut gebrauchen, sagt etwa Hans-Ulrich Rösner vom World Wide Fund for Nature (WWF). „Wir wissen eine ganze Menge darüber, wie sich Zugvögel bewegen. Aber um unsere Daten auswerten zu können, fehlt uns die Kapazität.“

Doch auch die Vogelzugexperten von Wetlands International, die über die besten Daten verfügen, sind ratlos, wie das H5N1-Virus ausgerechnet in Höckerschwäne gekommen ist. Ward Hagemeijer von Wetlands International hält es, wie die meisten Vogelschützer, nicht für geklärt, ob Wildvögel für die Verbreitung der Krankheit verantwortlich sind. Er verweist auf eine Untersuchung von 20 000 Wildenten in China, von denen gerade einmal sechs mit dem gefährlichen H5N1-Virus infiziert waren. Wildenten können das Virus offenbar tragen, ohne sofort daran zu sterben. Sie kämen als Verbreiter in Frage. Nur ziehen Wildenten aus China normalerweise nicht an die Ostsee, um zu überwintern. Höckerschwäne wiederum ziehen eigentlich gar nicht. Sie sind ziemlich standorttreu. Nur in sehr kalten Wintern flüchten sie in wärmere Regionen. Doch Hagemejer gibt zu bedenken: „Wenn sie das Virus schon getragen haben, wie sollen sie es dann geschafft haben, noch so weit zu fliegen?“

Der Leiter des Instituts für Geflügelkrankheiten an der Freien Universität Berlin, Mohamed Hafez, hält diese Frage dagegen für geklärt. Schließlich seien auf Rügen auch kranke Singschwäne gefunden worden, und die sind Zugvögel. „Es gibt keine andere Erklärung“, sagt Hafez. Doch Hagemejer hat Zweifel an dieser Hypothese. Zwar sind auch etwa 500 tote Singschwäne in ihrem Überwinterungsgebiet in Iran gefunden worden. Doch die könnten zumindest aus einer Region gekommen sein, in der das Virus bereits nachgewiesen wurde. Das ist bei den Singschwänen an der Ostsee nicht so sicher.

Klar scheint dagegen zu sein, dass zumindest ein Teil der auf Rügen entdeckten toten Tiere tatsächlich am H5N1-Virus gestorben ist. Die Sprecherin des Friedrich-Löffler-Institiuts, Elke Reinking, sagt: „Einige Tiere waren in guter Verfassung und wiesen eindeutige Symptome der Erkrankung auf.“ Bei anderen Tieren, die in einem schlechten Zustand waren, sei dagegen unklar, ob sie an der Vogelgrippe oder aus einem anderen Grund starben.

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