Politik : Die Zukunft der Spiele

Von Markus Hesselmann

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Die Flamme erlischt, und was bleibt von Olympia in Turin? Aus deutscher Sicht das gute Gefühl, dass unsere Wintersportler immer noch zur absoluten Weltspitze gehören, obwohl sich die Altstars der ganz großen Jahre langsam zurückziehen. Aus Sicht der Athleten die Erfahrung, dass bei der Doping- Bekämpfung keine halben Sachen mehr gemacht werden. Und aus Sicht künftiger Veranstalter die Erkenntnis, dass man Winterspiele nicht so ohne weiteres in eine Industriemetropole im Flachland verpflanzen kann. Vor allem daraus ergeben sich die Lehren, die am weitesten über Turin 2006 hinausweisen.

Die Winterspiele von Turin waren perfekt für (ehrliche) Sportler. Es gab von ihnen und ihren Betreuern keine größeren Klagen über schlecht präparierte Pisten oder sonstige organisatorische Mängel. Souverän gingen die italienischen Veranstalter mit den Unwägbarkeiten des Wetters um. Der Zeitplan geriet zuweilen durcheinander, doch es gab immer genug Spielraum, um letztlich alles geordnet über die Bühne zu bringen.

Turin 2006 steht aber auch für die leeren Zuschauerränge draußen in Sestriere und Umgebung. Zu gering war der Anreiz für die Piemonteser, sich auf den weiten Weg in die Berge zu machen. In starkem Kontrast dazu stehen die Bilder, die allabendlich aus dem Stadtzentrum von Turin um die Welt gingen. Auf der Piazza Castello, für zwei Wochen zur Medals Plaza umgewidmet, war die Begeisterung der Italiener zu spüren. Hier wurde Olympia doch noch zum Ereignis. Und hier liegt ein Modell für die Zukunft der Spiele. Aufgrund der schieren Größe, die das Unternehmen Olympia inzwischen angenommen hat, hält das Internationale Olympische Komitee nur noch Metropolen für geeignet, die Spiele auszurichten. Man kann das beklagen als weitere Drehung der kommerziellen Daumenschrauben, mit denen der globalisierte Kapitalismus den Sport malträtiert. Und natürlich geht es dabei auch um die Erschließung und Pflege möglichst großer Märkte. Aber es geht auch um die Teilhabe möglichst vieler Menschen, und die sind nun einmal in den großen Städten zu Hause und nicht in der abgeschiedenen Idylle der Berge. Viel war in diesen Tagen von Lillehammer 1994 die Rede. Olympia im kleinen Schneeparadies mitten im wintersportbegeisterten Norwegen gilt als Gegenentwurf zum Moloch Turin. Gab nicht Lillehammer eine letzte Ahnung jener seligen Zeiten, als Bob-Heroe Anderl Ostler mit seinen vierschrötigen Anschiebern auf Echtschnee durch den Hohlweg zu Tale brauste? So heimelig wird es nie wieder sein.

Statt dem nachzutrauern, gilt es, Konzepte für Winterspiele des 21. Jahrhunderts zu entwickeln – Pläne, die Turin womöglich mit Lillehammer verbinden. München, das sich Hoffnungen auf die Spiele macht, sollte sich bei seiner Bewerbung solche Ideen zu Eigen machen. Garmisch-Partenkirchen, geplanter Schauplatz der Skiwettbewerbe, ist zwar auch nicht gerade ein Münchener Vorort. Doch die Verkehrsanbindung der oberbayerischen Skigebiete ist ungleich besser als die Infrastruktur zwischen Turin und Sestriere. Potenzielle Zuschauer wurden dort schon durch die kurvigen, engen, dauernd verstopften Straßen abgeschreckt. Das authentische Wintersporterlebnis in schneebedeckten Bergregionen und den Schauwert der Metropole: München hätte die große Chance, beides zu bieten.

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