Politik : Die Zuwanderungs-Partei

Die CDU/CSU zog von allen anderen Wähler ab, vor allem von der SPD. Nur die Grünen blieben treu

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Von Rainer Woratschka

Im Endergebnis war der Zugewinn für die Union nicht gerade üppig. CDU und CSU steigerten sich im Vergleich zur Bundestagswahl 1998 gerade mal um 3,3 Prozentpunkte. Doch beim Saug- und Magneteffekt war die Stoiber-Merkel-Truppe Spitze. Laut den Meinungsforschern von Infratest dimap zog sie sämtlichen Parteien, mit Ausnahme der Grünen, Wähler ab – 1 180 000 wanderten allein von der SPD zur Union.

Vor vier Jahren war das noch ganz anders. Da verlor die Union Wähler in alle Richtungen, die meisten an die SPD. Insofern sehen Parteienforscher jetzt nur einen „Rückfluss“. Er sei nicht überrascht, sagt der Berliner Politikwissenschaftler Richard Stöss. „Die Union hat hervorragend mobilisiert, viel besser als die SPD.“ Und selbst die, auf den ersten Blick wundersame, Verwandlung früherer PDS- in Unionswähler – immerhin 60 000 – überrascht ihn nicht besonders. Viele PDS-Wähler im Osten stünden der Union näher als etwa den Grünen, denen eine Konkurrenz zur PDS angedichtet worden sei. „Das sind völlig unterschiedliche Mentalitäten.“

Dies belegen auch die Zugewinne bei den Grünen. Von den Postkommunisten kam gar nichts. Im Gegenteil: 10 000 Grünen-Wähler wanderten laut Infratest diesmal zur PDS ab. Die höchsten Zugewinne verbuchte die Öko-Partei aus der Klientel von SPD (490 000) und FDP (50 000). Die PDS wiederum hatte ihren größten Aderlass zugunsten der SPD zu verkraften: 310 000 gaben diesmal den Sozialdemokraten ihre Stimme. 290 000 verzichteten ganz auf den Urnengang – ein einsamer Frustrierten-Rekord. Die Sozialdemokraten kamen in ihrer Klientel auf 120 000 Nichtwähler, die Grünen auf 70 000. Nur bei CDU/CSU und FDP war es andersrum: Sie schafften es, vormalige Nichtwähler zu gewinnen. Stolze 180 000 wandten sich diesmal der Union zu, 10 000 der FDP. 130 000 Stimmen bekam die CDU/CSU von Anhängern chancenloser Miniparteien, etwa aus dem rechten Lager. Ein Rückfluss auch hier: 1998 musste sie 200 000 Stimmen an die rechtsextreme DVU abgeben.

Im Osten verlor die SPD laut Forschungsgruppe Wahlen mit minus 4,6 Prozentpunkten deutlicher als im Westen (minus vier). Bei der Union ist der Ost-West-Unterschied noch auffälliger: Sie legte im Osten nur einen Punkt zu, im Westen 3,8. In Bayern hatte Unionskandidat Stoiber als Ministerpräsident ohnehin einen Sonderbonus: Hier gewann die CSU fast elf Punkte hinzu.

Auch geschlechtsspezifisch gab es Unterschiede: Bei den Männern gewann die Union sechs Prozentpunkte, die SPD verlor fünf. Bei den Frauen betrug der SPD-Verlust nur einen Punkt, der Unions-Gewinn zwei Prozentpunkte. Anders im Osten: Dort legte die SPD bei den Wählerinnen neun Punkte zu, bei den Männern blieb sie unverändert. Die CDU hingegen blieb bei den Frauen konstant, bei den Männern schaffte sie drei Punkte mehr.

Bei den Arbeitern, den traditionellen SPD-Wählern, verloren die Sozialdemokraten weit überdurchschnittlich (minus fünf Punkte), während die CDU/CSU hier acht Prozentpunkte dazu gewann. Noch deutlicher die Verluste bei den gewerkschaftlich organisierten Arbeitern: Hier verlor die SPD sieben Prozentpunkte, die Union gewann neun hinzu. Nur über die gewerkschaftlich gebundenen Angestellten konnte sich die SPD noch freuen. Drei Punkte Zugewinn verbuchte sie bei ihnen.

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