Politik : Die zwei Welten der Integration

Richard Schröder

TRIALOG

Jugendliche hauen gelegentlich ihre Schuhe auf die S-Bahn-Bank gegenüber. Ich bin da zwei-, dreimal hingegangen und habe höflich gebeten, sie runterzunehmen, weil sonst meine Hose dreckig wird, wenn ich mich da hinsetze, mit Erfolg – bis auf ein Mal. „Verpiss dich, Alter, sonst kriegste in die Fresse.“ Es waren drei türkischstämmige Jugendliche unter 18.

Habe ich da ein Problem mit Jugendlichen, zufällig türkischer Herkunft, erlebt, oder nicht zufällig? Die Statistik beweise, dass Jugendliche ausländischer Herkunft in der Kriminalitätsstatistik überhaupt nicht auffällig seien, hat mir ein Journalist mit Kennermiene erklärt. Das scheine nur anders unserer Vorurteile wegen. Im geschlossenen Kreis hat uns aber ein anerkannter Fachmann das Gegenteil bewiesen, allerdings nicht pauschal. Jugendliche aus Polen seien in der Kriminalitätsstatistik überhaupt nicht auffällig, wohl aber solche aus Russland und aus der Türkei. Aushändigen wollte er uns seine Statistiken aber nicht.

Aus Frankreich habe ich Ähnliches von einem Landeskenner erzählt bekommen. Die größte Einwanderungsgruppe seien Portugiesen, die seien nach einer Generation vollkommen integriert. Anders die Einwanderer aus dem arabischen Nordafrika. Die zeigten zwar als Einwanderer eine hohe Integrationsbereitschaft, nicht aber die zweite und dritte Generation, weshalb Arbeitgeber lieber neue Einwanderer beschäftigen als jene, obwohl sie doch in Frankreich aufgewachsen sind. So entstehe ein Teufelskreis, denn als Arbeitslose hätten sie gar kein Integrationsinteresse mehr. Was sich daraus in Pariser Vorstädten ergibt, nenne man offiziell Jugendrandale, denn alle Beteiligten sind französische Staatsbürger. In manchen Gegenden verriegele man bei Rot an der Ampel die Autotüren von innen, was ich übrigens auch bei der Fahrt durch ein Washingtoner Viertel den Fahrer habe tun sehen.

Was lehrt uns das? Offenbar arbeitet die Zeit bei manchen Zuwanderern für, bei anderen eher gegen die Integration. Je größer die kulturelle Differenz, umso stärker die Ghettobildung, zumal der Islam den Frauen die Ehe mit Nicht-Moslems verbietet. Die zweite Generation heiratet aber auch nicht unter sich, sie holt sich meist Frauen aus der Türkei, die im Haus bleiben und kaum Deutsch lernen. Deren Kinder sind dann in Deutschland Türken und in der Türkei Deutsche, zweifach heimatlos und sozial deklassiert. Möglicherweise gibt es prozentual in Kreuzberg mehr Kopftuchträgerinnen als in Ankara, denn unsere Zuwanderer kommen größerenteils nicht aus der europa-offeneren Westtürkei, sondern aus den ostanatolischen Dörfern. Weil sie die doppelte Integration überfordert, versuchen viele, in ihren vier Wänden Ostanatolien zu konservieren. Wenn sich das nicht ändert, tickt da eine Zeitbombe.

Im Nachbarland Frankreich ist die Situation sehr viel brisanter, trotzdem die Aufregung nicht größer. Wir Deutschen sind offenbar besonders anfällig für Überfremdungsängste. Das trifft den kritischen Punkt besser als der Selbstvorwurf der Ausländerfeindlichkeit. Deshalb übersehen wir leicht, dass die Integrationschancen unserer türkischen Einwanderer besser sind als die der arabischen in Frankreich. Bei denen ist nämlich das antiwestliche Ressentiment und die antiisraelische bis antisemitische Gewaltbereitschaft viel größer. Araber und Türken sind meistens Moslems, ansonsten aber zwei Welten.

Der Autor ist Professor für Theologie an der Humboldt-Universität in Berlin.

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