Politik : Die Zweifel der Nachbarn

Heik Afheldt

So werden Cäsaren empfangen. Mit militärischen Ehren, hoch zu Ross, mit Standarten, Hymnen und roten Teppichen vor der grandiosen Kulisse des Präsidentenpalastes. Gerhard Schröder, der Kanzler der hier verehrten Bundesrepublik Deutschland alleine unter dem Baldachin und beim Abschreiten der Ehrenkompagnien in Neu Delhi. Indien zelebriert sich und seine Gäste in den Palästen und Räumen, die noch den kolonialen Machtanspruch der Engländer reflektieren. Der Palast, 1911 von einem französischen Architekten in warmem, rosaroten Stein erbaut, gibt den ein wenig operettenhaften Hintergrund für den Staatsakt. Eine Gesellschaft, sagt der Staatspräsident Kocheril Raman Narayanan während des späteren Empfangs, darf ihre Geschichte nicht verleugnen. Sonst kommt sie mit Macht zu ungelegener Zeit wieder ins Bewusstsein.

Zum Thema Online Spezial: Terror und die Folgen
Themenschwerpunkte: Gegenschlag - Afghanistan - Bin Laden - Islam - Fahndung - Bio-Terrorismus
Fotostrecke: Bilder des US-Gegenschlags Die Tischgespräche beim Bankett drehen sich um die beiden Leitthemen der Kanzlerreise: Wie lässt sich der Terrorismus wirklich bekämpfen, und wie lassen sich die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Indien und Deutschland weiter verbessern? Die Angriffe der Amerikaner halten die meisten Gesprächspartner für verständlich, aber für aussichtslos oder gar gefährlich. Durch die vielen zivilen Opfer würden die Taliban nur gestärkt. Die pakistanischen Freiwilligen, die zu Tausenden zu ihrer Unterstützung bereit stünden, seien der Beweis. Bin Laden werde man nicht bekommen, und wenn, dann gehe alles doch weiter.

Was aber tun? Der Kommunismus sei auch erst in einer Phase des Friedens zusammengebrochen, meint der Chefredakteur des "Indian Express", Shri Shekhar Guptavom. Die Länder müssten gemeinsam verhindern, dass die Terroristen des einen Landes die Freiheitskämpfer des anderen würden. Das Land hat seine eigenen schmerzlichen Erfahrungen mit derartigen Bewegungen, sei es in Sri Lanka (es war falsch, die Tamil-Tiger zu unterstützen) oder in Kaschmir. Diesen Konflikt spricht der Kanzler an. Indien und Pakistan sollten ihre Differenzen, bei denen es um beiderseitige Ansprüche auf die mehrheitlich islamische Region geht, beilegen. Deutschland habe ein hohes Interesse daran, dass der Dialogprozess, der im Juli zu einem Gipfeltreffen in Agra geführt hatte, fortgeführt werde, sagte Schröder in Anwesenheit des Ministerpräsidenten Atal Behari Vajpayee. Vajpayee kommentierte Schröders Anmerkungen nicht.

Die Wirtschaftsbeziehungen waren das Thema der Veranstaltung zum 45. Geburtstag der Indisch-Deutschen Handelskammer. Der indische Markt ist riesig, das Land mit heute schon über einer Milliarde Menschen bald das bevölkerungsreichste der Welt. Der Außenhandel wächst zweistellig; aber es kann, wenn es nach dem deutschen Kanzler geht, "noch besser werden". Nur 0,4 Prozent der deutschen Auslandsinvestitionen gehen nach Indien. Die Gründe nannten deutsche Unternehmer: Eine lästige Bürokratie und ein noch immer ausgedehnter Staatssektor. Alles soll nun besser werden. Aber Firmen wie Bayer machen in Indien schon seit Jahrzehnten gute Geschäfte bei einem Umsatz von 300 Millionen Euro. "Kommt nicht nach Indien wegen niedriger Löhne", so die Bitte des Präsidenten des Industrieverbandes, Sonjiv Goenka, "die findet ihr morgen in den neuen osteuropäischen Beitrittsländern, sondern wegen unserer Fähigkeiten".

Werben für die Greencard

Angesichts des Krieges in Afghanistan ist das Schwerpunktthema der derzeitigen Kanzlerreise nach Asien in den Hintergrund gerückt. Aber an diesem Dienstag soll es trotzdem zur Sache gehen, wenn Gerhard Schröder in die indische High-Tech-Metropole Bangalore fliegt. Dies geschieht unmittelbar vor der Ausgabe einer weiteren Tranche der Greencard. Bisher sind nur knapp 1500 Computerexperten aus Indien gekommen. Das könnte jetzt vielleicht anders werden. Denn der Lack, der Bangalore erstrahlen ließ, ist stark angekratzt. Software-Firmen haben derzeit einen schweren Stand. Dem indischen Silicon Valley geht es deshalb nicht anders als dem amerikanischen. Mehr als 70 von den rund 900 ansässigen Firmen haben bereits ihre Tore geschlossen, 24 000 Programmierer befinden sich im Wartestand. Deutschland könnte davon profitieren. vy

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