Politik : Diese Krise trifft jeden

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Von Heik Afheldt

Ein Mann steht auf dem Sims eines Hochhauses und will sich in die Tiefe stürzen. Zwei andere rufen ihm zu: Warte! Hör doch erstmal, was Alan Greenspan sagen wird. Seine Antwort: Ich bin Alan Greenspan.

Eine Zeitungs-Karikatur nur, aber Ausdruck der um sich greifenden Panik und Hilflosigkeit an den Aktien-Börsen. „Eine Börsenkrise wie seit 70 Jahren nicht mehr“, heißt es. 1929 war der große Crash, der die tiefe Weltwirtschaftskrise eingeleitet hat. Und auch heute ist niemand zu erkennen, der den Sturz aufhalten kann. Kein Notenbankchef, kein Kanzler. Dafür wirre Stimmen, die gleichzeitig vor weiteren Verlusten warnen, die Bodenfindung der Kurse sehen oder Anzeichen einer Erholung erkennen wollen.

Diese Börsen sollen das Herzstück des Kapitalismus sein? Wallstreet und die Frankfurter Börse als Tempel der Irrationalität, in denen in Sekunden Milliardenwerte geschaffen und wieder vernichtet werden? Und das vor dem Hintergrund einer gesunden Wirtschaft in den Vereinigten Staaten und auch in Europa.

Was ist los? Eine Erklärung, warum es an den Börsen zu derartigen grund- und maßlosen Übertreibungen nach oben und unten kommt, liefert allenfalls die Spieltheorie. Da lösen sich die Spieler an der Börse von allen Fakten und schauen nur noch, was die anderen wohl machen werden. Dazu erfinden sie ihre eigene Zeichensprache, malen Widerstandslinien und andere obskure Figuren, um nachher zu erklären, was sie ohne rationalen Grund tun. Sie behaupten, nun ginge es mit dem Dax bis zu einem Stand von 2500 weiter kräftig bergab. Das berichten die Medien, und schon geht die Post ab – nach unten. Gegen solche Kursausschläge lässt sich wenig machen. Vernunft lässt sich nicht verordnen.

Muss uns das Börsenchaos wirklich beunruhigen? Ja. Wir sind alle betroffen, und die Konjunkturforscher machen sich Sorgen über die Auswirkungen auf die reale Wirtschaft.

Alle betroffen? Sind denn in Deutschland nicht nur etwa zehn Prozent der Haushalte Aktionäre oder an Aktienfonds beteiligt? Über 70 Prozent der Menschen in diesem Land besitzen Lebensversicherungen oder Rentenansprüche bei Pensionskassen. Diese Renten werden zu einem wachsenden Teil mit Anlagen in Aktien verdient – oder eben nicht mehr verdient. Deshalb gefährdet der Aktiensturz an den Börsen die Altersversorgung von vielen. Vor allem untergräbt die Unsicherheit an den Börsen das erwachende Vertrauen in die private Vorsorge.

Auswirkungen der Aktien-Baisse auf die Konjunktur sind mehr als wahrscheinlich. Jenseits des großen Teiches werden sie bald zu spüren sein. Dort haben über die Hälfte aller Haushalte ihre Altersversorgung auf Aktien gegründet. Logisch, dass ihre Lust und Fähigkeit zu konsumieren, zu reisen und neue Autos zu kaufen, erlahmt, wenn die Depots unter Schwindsucht leiden. Bei uns ist dieser Effekt geringer. Aber in allen Ländern verhindern die schwachen Börsen den Zugang der Firmen zu neuem Kapital. Das war eine der wichtigen Funktionen der „Neuen Märkte". Über kurz oder lang müssen manche Firmen jetzt ihre teuer eingekauften Beteiligungen und Töchter realistischer und damit niedriger bewerten. Diese Aufräumarbeiten werden die Ergebnisse weiter belasten – und auch die Börsenkurse noch einmal in Mitleidenschaft ziehen.

Deshalb steht eine Frage ganz im Vordergrund: Wie lange dauert der Spuk noch? Wann ziehen die Kurse wieder an? Vermutlich schneller als viele denken. Da man mit Aktienanlagen Geld verdienen möchte, ist die Entwicklung der Gewinne die entscheidende fundamentale Größe. Weil viele Unternehmen jetzt in der Krise ihre Kosten kräftig nach unten drücken, ihre Belegschaften reduzieren und auch sonst überall Ausgaben überprüfen, werden die Gewinne, sobald die Märkte wieder anziehen, auch relativ schnell kräftig wachsen. Das kann schon im nächsten Jahr so sein. Weitaus länger wird es dauern, bis die privaten Anleger das lädierte Vertrauen in die Börsen wieder zurückgewonnen haben werden. Die großen Betrugsfälle bei Enron, Xerox oder Worldcom und die jähen Abstürze heute werden noch lange in den Köpfen der Anleger lebendig bleiben. Bei ihnen steigt zunächst nur der Kurs für ehrliche und bescheidene Manager, der für seriöse und fähige Wirtschaftsprüfer und der für objektive Berater und Medien.

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