Politik : „Diese Menschen bezahlen unsere Rechnung“

Der frühere Schauspieler Karlheinz Böhm über seine Hilfsprojekte in Äthiopien und die Ursachen immer neuer Naturkatastrophen auf dem afrikanischen Kontinent

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Nach dem südlichen Afrika droht nun auch in Äthiopien eine Hungerkatastrophe. Bis zu 15 Millionen Menschen, so schätzen die Vereinten Nationen, sind in dem Land am Horn von Afrika und in dem kleinen Nachbarstaat Eritrea nach einer Dürrephase akut gefährdet. Viele von ihnen haben bereits früher Hunger gelitten. Die wohl schlimmste Ernährungskrise erlebte das Land in den achtziger Jahren. Auch der Schauspieler Karlheinz Böhm, der seit mehr als zwanzig Jahren Hilfsprojekte in Äthiopien betreut, hat das Elend von damals noch vor Augen. Im TagesspiegelInterview schildert er, wie es zu der neuen Katastrophe kommen konnte – und wie er helfen will.

Herr Böhm, hat man sich in Europa an Hungersnöte in Afrika wie an afrikanische Folklore gewöhnt?

Solange man nicht die ersten Bilder von verhungerten Kindern sieht, geschieht tatsächlich nicht viel. Aber abgesehen davon, dass man viel früher beginnen müsste zu helfen, müsste man sich auch einmal Gedanken machen, woran das eigentlich liegt, dass es immer weniger regnet und die Ernte immer öfter ausbleibt – und ob das nicht unsere Schuld ist. Ich habe mit Bauern gesprochen, die etwa 80 000 Menschen im Osten Äthiopiens vertreten. Sie sagen: Karl, wir verstehen das nicht mehr. Wenn unsere Eltern, unsere Großeltern von früher erzählen, hat es immer genug Wasser gegeben, sie hatten nie eine Hungersnot. Jetzt wird es jedes Jahr schlimmer. Diese Menschen bezahlen eine Rechnung für Umweltverschmutzung und Klimawandel, die wir eigentlich bezahlen müssten. Die Folgen für diese Menschen sind uns gar nicht so bewusst. Können Sie sich so etwas wie Hungertod vorstellen?

Nein.

Eben. 1984, als diese fürchterliche Hungerkatastrophe ausbrach, war ich seit drei Jahren in Äthiopien. Damals bin ich in ein Hungerlager eingeladen worden. Auf einer Hochebene, sieben Autostunden von Addis Abeba entfernt, haben 28 000 Menschen jeden Tag mit der offenen Hand auf etwas zu essen gewartet. Als ich aus dem Auto ausstieg, kam nach 50 Metern plötzlich ein nackter Mann auf mich zu, nur von einer Decke umhüllt. Er war völlig ausgedörrt, das sah man an seinen Händen und Füßen. Dann blieben wir voreinander stehen, und er hat mich angeschaut. Der Mann hatte so ein totenkopfähnliches Gesicht, so etwas hatte ich überhaupt noch nicht gesehen. Plötzlich fiel dieser Mensch, ohne auch nur die Hände zu heben, vornüber aufs Gesicht und blieb liegen. Da ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, hier ist ein Mensch gestorben, vor meinen eigenen Augen, an einem Mangel an Nahrung und an Flüssigkeit. Das hat mich so beeinflusst wie eigentlich nichts anderes.

Gibt es sie jetzt wieder in Äthiopien, diese Hungerlager?

Die Regierung hat Zahlen veröffentlicht, dass 15 Millionen Menschen vom Hungertod bedroht sind. Wissen Sie, abgesehen von der Hauptstadt Addis Abeba mit ihren 4,8 Millionen Einwohnern besteht das Land zu 82,5 Prozent aus Bauern. Und die sind davon abhängig, was von oben runterkommt – vom Regen. Wenn die Ernte im November, Dezember nur die Hälfte einbringt, dann gehen die Vorräte eben im Juni, Juli zu Ende. Seit dem Sommer gehen viele Leute betteln. Angenommen, die Ernte wird jetzt wieder schlecht, dann wird die Hungerkatastrophe wohl ein Jahr dauern.

Wenn so etwas immer wieder geschieht, liegt das nicht auch an der falschen Entwicklungshilfe?

Ich kann nicht über ganz Afrika reden, weil ich nur Äthiopien wirklich gut kenne. Um die Situation in diesem Land wirklich grundlegend zu verändern, braucht es Generationen. Aber Sie müssen trotzdem anfangen, etwas zu tun. Ob Sie jetzt einem Menschen helfen, oder ob aus diesem einen tausend werden, egal.

Wie versuchen Sie denn zum Beispiel, konkret zu helfen?

Unser Agrotechnisches College ist für mich unser erfolgreichstes Projekt. Es ist eines von vier Colleges in Äthiopien und ist ganz aus der praktischen Erfahrung heraus entstanden. Ich hatte von einem früheren Großgrundbesitzer ein Grundstück mit Traktoren und allem möglichen Gerät gekauft. Irgendwann habe ich kapiert, dass ich zwar jedem Kind Traktorfahren beibringen kann, aber dass die eigentliche Frage ist: Wie repariere ich ihn? Aus dieser Erkenntnis heraus, und aus dem Begreifen, dass es keine Elektriker und keine Kraftfahrzeugwerkstätten gibt, habe ich auf acht Hektar, wo vorher Eukalyptusbäume standen, ein Trainingszentrum aufgebaut. Dort werden heute jedes Jahr 335 Studenten ausgebildet, 98 Prozent von ihnen verlassen es mit einem Arbeitsvertrag in der Tasche.

Das Gespräch führte Ruth Ciesinger .

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