• „Diese Zeit will Menschen treffen“ Hans Joachim Meyer, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, über Papst Johannes Paul II.

Politik : „Diese Zeit will Menschen treffen“ Hans Joachim Meyer, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, über Papst Johannes Paul II.

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DER KATHOLIK

Schon während seines Philologiestudiums engagierte sich der gebürtige Rostocker Hans Joachim Meyer, 68, für die katholischen Minderheit in der DDR.

DER POLITIKER

1989 berief Lothar de Maizière den Professor der Humboldt-Universität zum letzten DDR-Minister für Kultur. Von 1990 bis 2002 war er unter Kurt Biedenkopf Kulturminister von Sachsen.

DER KÄMPFER

Als Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken setzt er sich für eine stärkere Rolle der Laien und Frauen in der Kirche ein und scheut den Konflikt mit der Amtskirche nicht. So plädierte er für den Verbleib der Kirche in der Schwangerenberatung. Als die Bischöfe den Austritt beschlossen, gründete das ZdK den Verein „Donum Vitae“. Vor zwei Jahren gehörte er zu den Organisatoren des Ökumenischen Kirchentags.

Was waren für Sie die herausragenden Eigenschaften von Papst Johannes Paul II.?

Er war ein Papst, der in seltener Weise zugleich Welt- und Kirchengeschichte geschrieben hat. Er war ein Mann mit Charisma, Führungskraft und einem großen Führungswillen. Er war im Gespräch sehr charmant und sehr offen. Ein Pole mit einer solchen Freiheitshoffnung war natürlich für uns als DDR-Bürger vor der Wiedervereinigung besonders wichtig. Ich bin überzeugt davon, dass sowohl die Entwicklung in Polen vor 1989 als auch die Entscheidung Polens für die EU ohne diesen Papst nicht denkbar gewesen wäre. Gleichzeitig hat er sehr früh deutlich gemacht, dass die übersteigerten Erwartungen an den Kapitalismus nicht zu halten sind. Das haben viele gerade in der alten Bundesrepublik nicht verstanden.

Hat denn auch die Kirche selbst während seines Pontifikats Fortschritte gemacht?

Johannes Paul II. hat auch hier neue Wege beschritten, indem er auf die anderen Religionen zugegangen ist. Denken Sie etwa an seinen Besuch der Synagoge in Rom und seine Reise nach Jerusalem oder den Gang zur Moschee in Damaskus oder an das gemeinsame Friedensgebet der Religionen in Assisi 1986. Das waren mutige Schritte, die auch nicht allen in Rom gepasst haben. Auch in der Ökumene hat er viel bewegt – und dabei zugegeben, dass sein Amt eine große Schwierigkeit auf dem Weg zur Einheit der Christen ist. Aber er hat auch immer klar gesagt, dass der Weg zur Ökumene nicht an der Wahrheit vorbei gehen kann. Das hat Illusionen zerstört, aber auch Hoffnungen eingedämmt.

Der Wendepunkt war der Ökumenische Kirchentag vor zwei Jahren in Berlin.

Das würde ich nicht sagen. Es war auch vorher schon deutlich, dass die Voraussetzungen für eine gemeinsame Abendmahlsfeier noch nicht gegeben ist. Es gibt zwischen den beiden großen christlichen Konfessionen noch nicht ein solches Maß der Übereinstimmung darüber, was man beim Abendmahl tut, was es bedeutet. Aber viele haben diese Unterschiede wohl nicht so ernst genommen.

Nach dem Kirchentag ist der Weg der Ökumene nicht mehr weitergegangen.

Ich glaube, der Tod des Papstes ist nicht der richtige Zeitpunkt, um über die ökumenischen Spannungen nachzudenken.

Wo sehen Sie die Schwächen im Pontifikat von Johannes Paul II. ?

Schwächen und Stärken hängen zusammen. Er wirkte sehr durch sein symbolisches Handeln, zum Beispiel durch die Vergebungsbitte gegenüber den Juden. Aber er bemühte sich nicht, die strukturellen Reformen umzusetzen, die aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil folgen. Er war eine spirituelle Persönlichkeit, die den widersprüchlichen Geist der Zeit durch sein Wortund sein zeichenhaftes Handeln treffen konnte.

In der säkularen Welt würde man sagen, er war ein Popstar.

Er hat die Mechanismen der Medienwelt beherrscht. Er hat ja auch nie einen Hehl daraus gemacht, dass er einmal Schauspieler werden wollte und auch als Schauspieler auf der Bühne stand. Er beherrschte seine Auftritte. Damit hat er gerade auch die jungen Leute beeindruckt. Die Grundstimmung in unserer Gesellschaft heute ist ja anti-institutionell, antistrukturell. Diese Zeit will Menschen treffen.

Hätten Sie sich mehr innerkirchliche Reformen gewünscht?

Neue Botschaften brauchen neue Strukturen. Wenn das Zweite Vatikanische Konzil die Kirche als Volk Gottes beschreibt, braucht es dafür auch neue Formen. Papst Paul VI. hat die Kurie reformiert, doch meinten nicht wenige, dass die Reformen nicht weit genug gegangen sind. Das Weitertreiben dieser institutionellen Reformen hatte für Johannes Paul II. keine Bedeutung. Außerdem hat er stärker als seine Vorgänger in die Ortskirchen eingegriffen. Auch das hing mit seinem weltweiten zeichenhaften Wirken zusammen. Man hatte manchmal den Eindruck, als sei die ganze Kirche eine einzige Pfarrei. Das entspricht wahrscheinlich der Bewegung hin zu einer globalisierten Welt. Aber wir wissen ja auch, dass gerade in einer globalisierten Welt die dezentrale Verantwortung wichtiger wird.

Das heißt mehr Freiheit für die deutsche Kirche?

Es ist sicherlich so, dass der Gedanke der Communio, der Gemeinschaft, wie ihn das Zweite Vatikanische Konzil formuliert hat, noch erfüllt werden muss.

Zum Beispiel im Konflikt um die Schwangerschaftskonfliktberatung: Hätten Sie sich gewünscht, der Papst hätte den deutschen Bischöfe mehr Selbstständigkeit gelassen?

Das ist so. Man muss diesen bitteren Streit aber auch aus der Sicht des Papstes sehen. Für ihn ist das, was er „Kultur des Lebens“, nennt, eine wichtige Folge aus dem Glauben. Er sah seine weltweite Verantwortung in diesem Punkt, die er gegenüber der völlig anderen Perspektive der westlichen Welt nicht aufgeben konnte.Dennoch wäre ich froh gewesen, wenn es den deutschen Bischöfen gelungen wäre, die Besonderheit der deutschen Gesetzgebung in Rom deutlich zu machen. Das ist nicht gelungen.

Könnte es unter einem neuen Papst zu einer neuen Haltung kommen?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier etwas revidiert wird. Ich hoffe nur, dass Katholiken, die sich hier engagieren, nicht länger beschuldigt werden, sie seien schlechte Katholiken.

Für viele gilt jemand, der sich bei der von der katholischen Laienorganisation getragenen Schwangerschaftsberatung Donum Vitae engagiert, nicht nur als schlechter Katholik, sondern als jemand, der außerhalb der Kirche steht.

Nur wenige sagen das. Und diese Meinung habe ich vom kirchlichen Amt nie gehört.

Viele Katholiken wünschen sich, dass die Ehrenamtlichen mehr Verantwortung bekommen und nicht nur für Handlangerdienste herangezogen werden. Ein neuer Papst könnte den Weg zum Laienpriesteramt ebnen, zumal dem Westen die Priester ausgehen.

Zu wenig Priesternachwuchs gibt es aber nur in Deutschland und in der westlichen Welt. In anderen Ländern ist das ganz anders, für Rom erscheint es deshalb oft nur als ein lokales Problem. Aber in vielen Ländern wünschen sich die Laien, dass das Priesteramt weiter entwickelt werden soll, indem man zum Beispiel in den Gemeinden Familienväter zu Priestern weiht, die neben- oder ehrenamtlich neben den zölibatär lebenden hauptamtlichen Priestern ihren Dienst tun. Da stehen noch Antworten aus Rom aus. Ich gehe davon aus, dass dieses Gespräch mit einem neuen Papst weitergeführt wird. Ich hoffe, man findet Lösungen, die einer Kirche im 21. Jahrhundert angemessen sind.

Hoffen Sie, dass ein neuer Papst diese Probleme angeht, etwa auch was die Rolle der Frauen in der katholischen Kirche angeht, auch wenn er womöglich aus dem konservativen Lager kommen wird?

Konservativ ist ein schwieriger Begriff. Ein Papst muss die Kirche und ihre Einheit bewahren, in dem Sinne muss jeder Papst konservativ sein. Es ist schwer, da eine Voraussage zu treffen. Ganz gewiss ist es aber so, dass es einen Reformstau gibt. Das sehen nicht nur die katholischen Laien in Deutschland so. Ich hoffe, dass ein neuer Papst das erkennt.

Braucht es ein drittes Vatikanisches Konzil?

Es liegt in der Logik des zweiten, dass es nicht das letzte war. Aber ob jetzt bereits der rechte Zeitpunkt ist, wage ich zu bezweifeln.

Der Nachfolger von Johannes Paul II. kommt möglicherweise aus Lateinamerika. Befürchten Sie, dass so jemand die deutschen Probleme nicht im Blick haben könnte?

Es ist viel zu früh, Spekulationen darüber anzustellen, aus welchem Erdteil einer neuer Papst kommen wird. Doch ist wohl klar, dass einem Papst aus Lateinamerika die Nöte der Menschen dort und die Spannungen durch die evangelikalen, fundamentalistischen Sekten sehr viel näher liegen als die Probleme der saturierten westlichen Gesellschaft. Umso wichtiger wäre es, dass die Ortskirchen mehr Selbstständigkeit bekommen. Die Einheit der Kirche ist unverzichtbar, aber sie lebt in der Vielfalt.

Das Gespräch führten Claudia Keller und Ursula Weidenfeld. Das Foto machte Kai-Uwe Heinrich.

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