Diese Zeiten : Leben in der Zukunft

Wer den Versuch, nach Grundwerten Politik zu gestalten, abwehrt, indem er sie abqualifiziert, der stellt seine Werte infrage. Ein Kommentar.

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Angela Merkel, Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland.
Angela Merkel, Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland.Foto: REUTERS

Es scheint mit jedem Tag mehr so, als sei die Dimension der Zukunft die vorherrschende Kategorie in unser aller Leben und damit, wohl besonders, in der Politik. Heute schon sollen Antworten auf Fragen gegeben werden – gegeben wohlgemerkt, nicht gefunden –, die sich erst morgen stellen. Sage keiner, er oder sie habe dieses Gefühl nicht schon gehabt, derart rasant bis rasend sind die Zeiten geworden. Und damit sind nicht nur die Berichte über sie gemeint. Es ist schon wahr: Die Beschleunigung kennt gerade kein Ende. Deshalb wird auch die Debatte darüber so dringlich.

In der Politik ist das in diesen Wochen des nach früheren Maßstäben noch recht jungen Jahres besonders gut zu sehen. Da werden auf allen Feldern, innen- wie außenpolitisch, kurzfristige mit kurzsichtigen Reaktionen verwechselt, absichtsvoll vertauscht. Dabei ist manches doch gar nicht auf Dauer angelegt. Manches Mal wird nur hier und dort korrigiert, in den Lauf der Dinge eingegriffen, um schlicht Zeit zu gewinnen, über die vordergründige Wirklichkeit hinauszukommen und in die Zukunft weiterdenken zu können. Um „modellhaft“ denken zu können, wie es der Bundeskanzler der monumentalen Bedächtigkeit, Willy Brandt, einmal ausdrückte. Pragmatische Lösungen, der Lage geschuldet, werden gerade unglücklicherweise oft und laut in ihrem Wert zum Grundsätzlichen erklärt, um sie dann umso besser als nicht auf Dauer tragfähig denunzieren zu können. Wer da wagt, über die unmittelbare Gegenwart hinauszugreifen wie die Bundeskanzlerin der (im Wortsinn) phänomenalen Beharrlichkeit, Angela Merkel, sieht sich bald schon wie Brandt dem Vorwurf staatspolitischer Unzuverlässigkeit ausgesetzt. Von den eigenen Leuten!

Wer nur polemisiert, der ideologisiert

Dennoch ist auch Tröstliches in dieser Situation zu entdecken. So, dass von der Außenpolitik ausgehend in die Innenpolitik hineinwirkend eine an Grundwerten orientierte Linie das gegenwärtige Handeln bestimmt. Und dass dieses Handeln durchgehalten wird, so weit es geht. Gerechtigkeit und Solidarität sind als Maßstäbe eben nicht verloren gegangen. Nicht sie sind Verhandlungsgegenstand, sondern ihre Ausfüllung ist es. Unser Leben mitsamt seinen Anforderungen an die Gesellschaft soll doch nicht nur gedacht, sondern gelebt werden. Von möglichst vielen möglichst gut. Und das gilt über Deutschland hinaus. Solidarität ist keine Illusion, sondern Chance auf Verwirklichung eines guten Lebens für immer mehr Menschen, wenn sie in größerem Maßstab gedacht wird: europäisch.

Wer daran sein Mütchen kühlt, der hat vor allem anderen nicht den Mut, über die praktische Politik des Tages hinauszuschauen und zu -gehen. Wer den Versuch, nach Grundwerten Politik zu gestalten, abwehrt, indem er sie abqualifiziert, der stellt seine Werte infrage. Wer gegen die notwendige Durchdringung komplexer Anforderungen beim Flüchtlingsthema – um ein einziges Beispiel der vielen, vielen großen Themen zu nehmen – nur polemisiert, der ideologisiert.

Aber nun ist ja die vorherrschende reale Kategorie die Zukunft. Das Vorausschauen wird Pflicht. Doch müssen wir uns gelegentlich rückversichern – indem wir uns unserer selbst vergewissern. In diesen rasenden Zeiten gibt es Momente, politisch und über das Politische hinaus, die dazu mahnen. In diesen Momenten fallen wir gleichsam aus der Zeit heraus. Dass es aber erst dieser Momente bedarf – das ist eine Debatte wert.

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