Politik : „Diesmal meint Scharon es ernst“

Israels Justizminister Lapid über den Räumungsplan für Gaza, sein Verhältnis zu Deutschland – und sein Leben als Kamel

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Herr Minister, Sie sprechen sehr gut Deutsch.

Meine Eltern waren ungarische Juden, aufgewachsen bin ich in Serbien. Als Kind hatte ich sechs Jahre lang eine deutsche Kinderfrau. Das ist jetzt 65 Jahre her.

Sie haben als 13-Jähriger miterlebt, wie Ihr Vater im März 1944 von der Gestapo verhaftet wurde. Er ist im Konzentrationslager Mauthausen ermordet worden. Mit welchen Gefühlen kommen Sie nach Berlin, der ehemaligen Hauptstadt des Dritten Reiches?

Es ist nicht das erste Mal, dass ich in Deutschland bin. Ich gestehe, ich bin hier mit gemischten Gefühlen, aber auch mit gutem Willen. Ich bin absolut überzeugt, dass inzwischen ein anderes Deutschland entstanden ist – ein liberales und demokratisches.

Im israelischen Parlament sind Sie heute der einzige Holocaust-Überlebende.

Darum hören mir die Menschen besonders gut zu, wenn ich über das neue, demokratische Deutschland rede.

Um bei Berlin zu bleiben – waren Sie schon im Mauermuseum?

Schon mehrmals. Ich empfehle allen Israelis, es zu besuchen.

Die ganze Welt hat gefeiert, als die Mauer endlich weg war. Israel dagegen baut eine neue Mauer, noch höher, noch perfekter. Warum?

Falsch. Ganz falsch. Israel baut keine Mauer. Wir bauen einen Zaun. Wir haben acht Kilometer Mauer und 200 Kilometer Zaun. Aber auf allen Zeitungsfotos ist natürlich nur die Mauer zu sehen. Ich weiß, das macht einen sehr schlechten Eindruck auf die Welt.

Das machen Mauern immer.

Nur mit einem Unterschied: Die DDR hat eine Mauer gebaut, um ihre Bürger daran zu hindern, das Land zu verlassen. Wir bauen einen Zaun, um palästinensische Terroristen daran zu hindern, nach Israel zu kommen. Unser Zaun hat also genau das entgegengesetzte Ziel.

Warum haben Sie dann das Bauwerk als eine „Schlange ohne Orientierung" bezeichnet?

Der Zaun muss kürzer und billiger werden. Er muss sich an der Grünen Linie zwischen Israel und dem Westjordanland orientieren. Und er darf das Leben der palästinensischen Bevölkerung nicht so stark beeinträchtigen wie er das im Augenblick tut. In manchen Fällen sind sogar Kinder von ihren Schulen abgeschnitten worden. Das ist falsch. Ich habe einen neuen Verlauf für den Zaun vorgeschlagen und mache jetzt Druck in der Regierung.

Trotzdem wächst die internationale Kritik.

Ich sehe ein, dass es schwierig ist, Sie von der Notwendigkeit des Zauns zu überzeugen. Die Amerikaner verstehen uns – wegen des 11. Septembers. Es ist viel schwerer, unsere Ängste den Europäern begreiflich zu machen, weil weder Big Ben in London noch der Eiffelturm in Paris oder das Brandenburger Tor von Attentätern pulverisiert worden sind.

Sie waren vier Jahrzehnte lang ein bekannter und erfolgreicher Zeitungs- und Fernsehjournalist. Sie könnten heute ein ruhiges, gemütliches Rentnerleben führen und nach Herzenslust Schach spielen. Stattdessen haben Sie sich mit 68 Jahren entschieden, in die Politik zu gehen. Wieso?

Wie die meisten Journalisten – ich war frustriert.

Warum?

Wegen des Karawanen-Syndroms!

Des Karawanen-Syndroms?

Als Journalist ist man doch wie ein Hund, der bellt und bellt und bellt. Und die Karawane? Sie zieht einfach vorbei. Ich wollte einmal in meinem Leben ein Kamel sein und kein Hund. Ich wollte mal echten Einfluss haben.

Und hat es geklappt?

Meine Partei, die Schinui, ist eine säkulare Partei. Ich kämpfe gegen die Macht der Ultraorthodoxen. Ich bin angetreten, ihnen im Parlament möglichst viele Sitze abzujagen. Das habe ich geschafft.

Bei den jungen Leuten in Tel Aviv sind Sie deswegen sehr populär. Junge Leute wollen das Leben genießen. Sie wollen nicht drei Jahre Militärdienst machen oder auf Steine werfende Kinder schießen. Was sagen Sie denen?

Das ist unser zweites politisches Ziel – den Friedensprozess realistischer anzupacken als bisher. Wir sind eine Partei der Mitte. Wir wollen eine große säkulare Koalition bilden zusammen mit der Arbeitspartei und dem Likud. Dann könnten wir es schaffen.

Was schaffen?

Ich will, dass es meinem Sohn und meinen Enkeln anders geht, als es mir ergangen ist. Seit ich auf der Welt lebe, will mich immer irgendeiner umbringen. Ich habe mich mein Leben lang mit Krieg, Flucht und Bomben beschäftigen müssen. Wenn ich nach Europa komme – die wichtigsten Probleme der Leute hier sind, wo sie ihre Ferien verbringen oder ob sie sich nicht mal wieder mit ihrem Ehepartner zanken sollten. Alles, was ich erreichen möchte, ist, dass die jungen Israelis eines Tages die gleichen „Probleme" haben wie ihre Altersgenossen in Europa.

Sie haben Reiseführer geschrieben und ein Kochbuch über die Paprika. Haben Sie als Politiker noch Zeit zum Kochen?

Ich habe nie gekocht. Ich habe nur ein dickes Kochbuch geschrieben. Das muss reichen.

Ihr Lieblingsessen?

Die ungarische Küche ist die beste der Welt. Mein Lieblingsgericht geht so: Eine Schicht Kohl, eine Schicht Reis, eine Schicht Fleisch, eine Schicht Kartoffeln. Alles dünn aufschneiden und in den Ofen. Ein Traummahl aus Transsilvanien.

Zurück zur Politik. Ariel Scharon hat angekündigt, dass er 17 Siedlungen im Gaza-Streifen räumen will. Ist das wieder einer seiner Tricks, um die öffentliche Meinung zu beruhigen?

Diesmal meint Scharon es ernst.

Wieso sind Sie so sicher?

Dieser Plan wird ihm bei seinen eigenen Leuten so viel Ärger einbringen, dass kein Politiker das freiwillig auf sich nähme.

Wir haben in der Zeitung gelesen, dass Sie keine Araber mögen. Wieso?

Blödsinn. Mein Verhältnis zu den Arabern ist ziemlich gut. Ich bin ein altmodischer Liberaler, der Minderheitenrechte respektiert.

Nun untertreiben Sie aber. Zu Hause galten Sie als „die größte Klappe Israels“. In ihren Talkshows haben alle ihr Fett abbekommen – Frauen, Araber, Homosexuelle. Ist das nun die Milde des Alters?

Ich werde heute gelegentlich beschuldigt, ich sei weniger rambohaft als früher. Aber ich muss heute etwas vorsichtiger sein, immerhin bin ich jetzt stellvertretender Ministerpräsident. Ich muss mich selbst gelegentlich daran erinnern. Hier mit uns im Zimmer sitzt beispielsweise jemand von der israelischen Botschaft. Der würde ja vom Stuhl fallen, wenn ich so richtig loslege.

Wenn es eines Tages Frieden gibt im Nahen Osten – welches Land möchten Sie unbedingt einmal bereisen?

Ich war in Kairo und ich war in Beirut als Kriegskorrespondent. Ich würde unheimlich gerne mal nach Damaskus fahren – ganz normal als israelischer Justizminister, der den syrischen Justizminister besucht. Aber im Augenblick weiß man ja noch nicht einmal, ob die überhaupt einen Justizminister haben.

Das Gespräch führten Esther Kogelboom, Christine-Felice Röhrs und Martin Gehlen.

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