Dieter Althaus : "Ich fühle mich wirklich sehr gut"

Thüringens CDU-Ministerpräsident Dieter Althaus über seinen Skiunfall, seine Chancen zur Landtagswahl und über Verantwortung in der DDR.

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Dieter Althaus. -Foto: dpa

Herr Althaus, Sie hatten Anfang Januar einen Skiunfall, bei dem eine Frau ums Leben kam und Sie selbst schwer verletzt wurden. Wie geht es Ihnen sechs Monate danach?



Seit gut neun Wochen arbeite ich wieder und fühle mich wirklich sehr gut. Ich spüre keinerlei Beeinträchtigungen und bin fit.

Sind Sie noch in regelmäßiger ärztlicher Betreuung oder Rehabilitation?

Nein, ich muss nicht mehr zum Arzt und nehme auch keine Medikamente mehr.

Stehen Sie den Job des Thüringer Regierungschefs schon wieder von morgens bis abends durch?

Teilzeitministerpräsident geht nicht. Deshalb bin ich wieder voll einsatzbereit und dazu auch in der Lage.

Begleiten Sie der Unfall und dessen Folgen im Alltag?


Natürlich. Mir geht der Skiunfall nicht aus dem Kopf. Das war ja nicht nur für mich folgenschwer, sondern auch dramatisch, weil Frau Christandl dabei ums Leben kam. Ich bin tagtäglich im Gebet bei Frau Christandl und ihren Hinterbliebenen.

Sie haben sich in der Zeit nach dem Unfall nicht an die Ereignisse erinnern können. Kehrt die Erinnerung nun langsam zurück?

Nein. Und bei solchen Schädel-Hirn- Traumata, wie ich eines erlitten habe, ist das wohl auch nicht zu erwarten.

Nach dem Tod von Frau Christandl haben Sie zwar die Verantwortung übernommen, ein Schuldeingeständnis jedoch unter Hinweis auf Ihr fehlendes Erinnerungsvermögen nicht abgeben wollen. Sehen Sie das heute anders?

Ich trage Schuld und habe dafür die Verantwortung übernommen. Allerdings kann ich das alles nur aus den Unterlagen entnehmen und verarbeiten.

Wie schaffen Sie es, die Schuld am noch nicht so lange zurückliegenden Tod eines Menschen und den Alltag eines Ministerpräsidenten und CDU-Wahlkämpfers in Einklang zu bringen?

Zur faktischen und juristischen Aufarbeitung kann ich verständlicherweise nichts beitragen. Ich erinnere mich ja nicht. Meine Arbeit wird von dem Geschehenen nicht beeinträchtigt.

Keine moralische Last, Herr Althaus, die auf Ihnen liegt?

Wer einmal auf der Skipiste war, der weiß, dass Unfälle, wie ich einen erlebt habe, leider passieren können. Für mich war schon kurz, nachdem ich aus dem Koma erwacht war, klar, dass ich mein Amt wieder rasch ausfüllen will. Diese Perspektive hat nicht infrage gestanden. Das hatten mir auch meine Frau und die behandelnden Ärzte erzählt.

Haben Sie persönliche Kontakte zum Ehemann und dem kleinen Sohn von Frau Christandl?

Es gab brieflichen Kontakt. Darüber hinaus nicht. Das ist schon aufgrund der Distanz nicht einfach. Herr Christandl lebt in Amerika.

Die Schadensersatzverhandlungen ...

... sind auf gutem Wege.

Waren Sie schon einmal am Grab von Frau Christandl in Österreich?

Bisher nicht. Zuerst war ich gesundheitlich dazu überhaupt nicht in der Lage. Und jetzt konzentriere ich mich seit neun Wochen ausschließlich auf meine Arbeit in Thüringen.

Ende August wollen Sie mit der CDU erneut den Regierungsauftrag in Thüringen erhalten. Wird der Wahlkampf 2009 für Sie persönlich ein anderer sein, als er es ohne die tragischen Ereignisse im Januar gewesen wäre?


Nein. Ich werde, so wie 2004 auch, mit großem Einsatz unterwegs sein, auf den Plätzen und bei Veranstaltungen mit den Menschen unsere politischen Ziele kommunizieren. Denn es geht im Wahlkampf um das Vertrauen der Menschen in die Politik der CDU und zu mir persönlich.

Anders als 2004 sprechen Sie jetzt aber nur noch vom Ziel einer Gestaltungsmehrheit. Haben Sie die absolute Mehrheit schon aufgegeben?


Ich habe von einer gestaltenden Mehrheit gesprochen, weil wir als CDU für Thüringen weiter verantwortlich Politik machen wollen und ich Ministerpräsident bleiben möchte. Alles andere wird der Wahltag zeigen.

Ihr Lieblings-Koalitionspartner?

Ich habe so etwas nicht. Ich kämpfe zuerst dafür, dass wir allein weiterregieren können. Wenn Sie mich fragen, wo es die größten politischen Affinitäten gibt, dann sage ich: bei der FDP.

Die seit Jahren überhaupt nicht im Landtag vertreten ist.

Die in den Umfragen allerdings seit Monaten stabil über 5 Prozent liegt. Die entscheidende Aufgabe ist in diesem Wahlkampf: Wir müssen verhindern, dass Bodo Ramelow Ministerpräsident wird.

Was wäre so schlimm an einem ersten linken Regierungschef?

In Mecklenburg-Vorpommern haben wir erlebt, dass das einem Land schadet. Ich kann nicht erkennen, dass die Linken in Thüringen ein Konzept haben, das den Menschen Vorteile bringen würde. Mit meiner ganzen Kraft kämpfe ich deshalb gegen die Linkspartei. Es ist eine Groteske der Geschichte, dass diese Partei in dieser Stärke überhaupt existent ist.

Die FDP beharrt trotz der krisenbedingten Milliardenschulden auf einer großen Steuerreform mit Nettoentlastungen. Ist das ein Versprechen, das Sie mittragen können?

Wir brauchen mittel- und längerfristig eine Steuerpolitik, die Entlastungen schafft. Im Eingangssteuerbereich genauso wie im mittleren Einkommensbereich. Es muss mehr Gerechtigkeit und Transparenz im Steuerbereich geben.

Sollten Sie nicht ehrlicherweise den Menschen sagen: Wir müssen die Steuern erhöhen?


Mit Steuererhöhungen wäre der Konjunktur kein Dienst erwiesen. Deshalb lehne ich das ab.

Ihr Amtskollege und Parteifreund Stanislaw Tillich in Sachsen ist wegen des Umgangs mit seiner DDR-Biografie stark in Bedrängnis. Wie wirkt diese Debatte auf Sie?

Ich selbst habe Anfang der 90er Jahre eine ähnliche Debatte durchstehen müssen. Es gibt für mich zwei unterschiedliche Betrachtungsebenen: Auf der einen Seite war die DDR ein Unrechtsstaat, denn keiner konnte am Ende wirklich seine persönliche Überzeugung leben. Auf der anderen Seite gab es viel Engagement aus der Stärke und den Fähigkeiten von Einzelnen und von Gruppen heraus. Die Grundlagen, die bis heute in Thüringen geschaffen worden sind, resultieren sehr stark aus dieser Lebensleistung der einzelnen Menschen.

Viele beklagen dennoch, dass nichts geblieben ist von dieser DDR.


Wir haben etliches in die Gesamtdebatte in Deutschland eingebracht, was inzwischen konsensfähig ist. Denken Sie an das zwölfjährige Abitur. Die neuen Länder können auch in der mathematisch-naturwissenschaftlichen und ingenieurtechnischen Bildung Vorbild sein für ganz Deutschland. Und ganz besonders erfreulich ist die Betreuung von Klein- und Kleinstkindern. Was wir da an Erfahrungen eingebracht haben, wird bundesweit gesellschaftliche Wirklichkeit werden.

Trotzdem diese Diskrepanz: Wenn jemand in der DDR Verantwortung getragen hat, wird er mit einem Schuldvorwurf konfrontiert. Muss die Vergangenheit differenzierter betrachtet werden?

Entscheidend ist, die DDR-Strukturen genau zu betrachten. Man kann einen Rat des Kreises nicht allgemein als verantwortlich bezeichnen. Auch dort regierte am Ende die SED. In Berlin war das Politbüro die Machtzentrale, im Bezirk oder im Kreis waren es Bezirks- und Kreisleitung der SED. Das war dieser Zentralismus, den die SED perfiderweise selbst demokratischen Zentralismus nannte. Die Blockparteien haben dabei eine gewisse Rolle gespielt, das ist keine Frage, aber die eigentliche Verantwortung für 40 Jahre Diktatur hat die SED getragen. Deshalb stand ihr Führungsanspruch auch in der Verfassung.

Muss es irgendwann so etwas wie eine moralische Amnestie geben, die verhindert, dass sich Leute wie Tillich immer wieder in der Rolle eines Schuldigen wiederfinden?

Amnestie ist ein weitgefasster Begriff. Es muss mehr Interesse an der individuellen Biografie geben. Und man muss die Instrumente der Diktatur als Instrumente des Totalitarismus analysieren. Das verhindert pauschale Verurteilung und hilft, die Lebensleistung der Menschen gerechter einzuschätzen.

Das Gespräch führten Antje Sirleschtov und Matthias Schlegel.

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