Dieter Althaus : Neben der Spur

In einem ersten Zeitungsinterview nach seinem schweren Skiunfall hat sich Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus zu Wort gemeldet - und verärgert damit auch die eigene Partei.

Stephan Haselberger,Antje Sirleschtov
Dieter Althaus
Seinen Skiunfall habe Althaus nun selbst zum Wahlkampfthema gemacht, werfen ihm politische Gegner vor. Doch auch unter...Foto: Thilo Rückeis

Berlin/ErfurtEs ist ein beispielloser Vorgang – und er kann schiefgehen. Nach seinem schweren Skiunfall Anfang Januar, bei dem eine Frau zu Tode kam und er selbst gefährlich verletzt wurde, hat sich Dieter Althaus, der CDU-Ministerpräsident, zur Rückkehr in die Politik und an die Spitze seiner Landes-CDU im Wahlkampf entschlossen. Und er hat die Opposition um Fairness im Umgang mit seinem Unfall gebeten. Lange sah es so aus, als werde dem Regierungschef diese Schonung im Wahlkampf auch gewährt.

Nun scheint Althaus selbst den Comment gebrochen und seinen Unfall und dessen Folgen zum Wahlkampfthema gemacht zu haben. In einem ausführlichen Gespräch und anschließenden Interview mit der "Bild"-Zeitung präsentierte sich Althaus an diesem Wochenende in sehr guter körperlicher und psychischer Verfassung. Selbst zum Skifahren, dem Sport, bei dem es am Neujahrstag zu dem tragischen Unglück gekommen war, bekannte sich Althaus offen – und sagte, er wolle womöglich schon in diesem Jahr wieder auf die Piste zurückkehren. Und das, obwohl ihn seine eigene Partei am Samstag im thüringischen Waltershausen – aus Rücksicht auf seine Gesundheit – in Abwesenheit zum Spitzenkandidaten für die Wahl am 31. August küren musste und lediglich eine schriftliche Botschaft von Althaus verlesen wurde.

Für die Opposition ist der Wahlkampf jetzt eröffnet

Seit das Interview, Fortsetzung angekündigt, am Montag erschien, hagelt es heftige Kritik an Althaus – in Thüringen und darüber hinaus. Althaus’ eigener Wahlkampfmanager, CDU-Landesgeschäftsführer Andreas Minschke, sagt, er sei zwar darüber informiert gewesen, "dass da was kommt". Das Ausmaß der Selbstdarstellung eines offenbar wieder vollständig genesenen Dieter Althaus, der lediglich noch eine kurze Ruhephase benötigt, habe ihn dennoch überrascht. Und zwar negativ. Sein Unbehagen fasst Minschke so zusammen: „"Wenn einer gut aussieht auf Fotos, dann erwartet man von ihm, dass er zur Arbeit geht. Und wenn er schlecht aussieht, dann soll er auch keine Interviews geben."

Für die Thüringer Oppositionsparteien, insbesondere für SPD und Linke, steht fest: Althaus selbst instrumentalisiert jetzt den Unfall und die Folgen politisch. "Damit", sagt Thüringens SPD-Chef Christoph Matschie, "hat er den Wahlkampf eröffnet." Althaus müsse sich entscheiden, ob er krank oder gesund ist. "Wer Interviews geben kann, kann auch das Land regieren", sagt Matschie.

Linken-Parteichef Bodo Ramelow geht sogar noch einen Schritt weiter: "Während Opel in Eisenach absäuft", wirft Ramelow dem Ministerpräsidenten vor, "erleben wir gleichzeitig eine Althaus-Soap mit Fortsetzung." Die Opposition werde es "nicht länger hinnehmen, dass Althaus seinen Skiunfall wie auf einer Operettenbühne inszeniert und gleichzeitig von uns verlangt, dass wir uns an Regeln der Fairness halten".

Iris Gleicke, Sprecherin der ostdeutschen SPD-Bundestagsabgeordneten und Thüringer SPD-Vizevorsitzende, beteuert ihr "Verständnis und Mitgefühl für die menschliche Tragödie". Dann schiebt sie ein großes Aber nach: "Was Althaus da macht, ist nicht gut für die politische Kultur in unserem Land. Das nährt den Verdacht, dass da versucht wird, aus genau dieser Tragödie politisches Kapital zu schlagen. Im Übrigen: Man kann nicht über die 'Bild'-Zeitung regieren. Und die feinsinnige Unterscheidung zwischen Schuld und Verantwortung hinterlässt wohl nicht nur bei mir ein schales Gefühl."

Auch Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt von den Grünen sorgt sich um die politische Kultur im Land. „Es ist bedenklich, dass man jetzt den Eindruck einer Inszenierung haben muss. Ein Interview in der ’Bild’-Zeitung wird jedenfalls nicht ersetzen, den Wählern offen gegenüberzutreten“, sagte sie dem Tagesspiegel.

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