Dieter Graumann vor Wahl : Generationswechsel im Zentralrat der Juden

Dieter Graumann ist der designierte neue Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland - der erste, der nach dem Holocaust geboren wurde. Am Sonntag wird er aller Voraussicht nach gewählt.

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Die scheidende Präsidentin und der designierte Präsident: Charlotte Knobloch und Dieter Graumann.
Die scheidende Präsidentin und der designierte Präsident: Charlotte Knobloch und Dieter Graumann.Foto: dpa

Berlin - An diesem Sonntag wird sich aller Voraussicht nach an der Spitze des Zentralrats der Juden in Deutschland ein Generationenwechsel vollziehen. In Frankfurt am Main wählen die Ratsversammlung und das Direktorium des Zentralrats, in dem die Landesverbände und die großen jüdischen Gemeinden vertreten sind, turnusgemäß alle vier Jahre ein neunköpfiges Präsidium, das aus seiner Mitte heraus einen Präsidenten und zwei Stellvertreter wählt.

Nach vier Jahren stellt die 78-jährige Charlotte Knobloch ihr Amt zur Verfügung. Sie wird die letzte Zeitzeugin des Holocaust an der Spitze des Zentralrats gewesen sein. Nun übernimmt die Generation der Kinder der Überlebenden die Führung. Knoblochs designierter Nachfolger ist der 60-jährige Dieter Graumann, der stellvertretende Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main. Graumanns Eltern stammen aus Polen. Er selbst wurde in Israel geboren und ist in Frankfurt aufgewachsen.

Sie habe sehr viele Jugendliche getroffen, die sehr aufgeschlossen gegenüber jüdischen Themen gewesen seien, sagte Knobloch. „Ich bin optimistisch, dass der Holocaust nicht vergessen wird, auch wenn wir Zeitzeugen einmal nicht mehr da sind.“ Jüdisches Leben sei wieder sichtbar geworden durch die vielen neuen Gemeindezentren und Synagogen, vor allem auch im Osten Deutschlands. Aber es bereite ihr Sorge, dass nach wie vor Neonazis auf deutschen Straßen marschierten und die NPD nicht verboten sei. „Die gewinnen an Boden. Wenn man nicht entschiedener vorgeht, sind unsere jungen Menschen gefährdet.“ Es sei aber nicht nur Aufgabe des Zentralrats der Juden, dagegen vorzugehen. „Das betrifft die ganze Gesellschaft.“

Sie beobachte auch, „dass der Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, weil die Grenzen zwischen Israel-Kritik und Judenfeindschaft verschwimmen“, sagte Knobloch. Kritik an der israelischen Politik sei selbstverständlich möglich, manchmal sogar nötig, die Kritik müsse aber sachlich sein. „Wenn der israelische Ministerpräsident mit Hitler verglichen oder das Handeln der Regierung mit den Maßnahmen der Nazis gegen die Juden gleichgesetzt werden, wenn erklärt wird, Juden seien selber schuld am Antisemitismus, dann wird aus der Kritik an Israel Antisemitismus.“

Sorge bereite ihr auch die Integrationsdebatte. „Es ist eine Tatsache, dass das Christentum auf Basis des Judentums entstanden ist“, sagte Knobloch. Das christlich-jüdische Erbe sei unumstritten. „Ich weiß aber nicht, ob es sinnvoll ist, wenn diese Erkenntnis ausgrenzend gegen den Islam in die Argumentation aufgenommen wird. Die sehr wichtige Debatte über Integration sollte nicht so geführt werden, dass sie die Gesellschaft weiter spaltet. Das wäre gefährlich.“ Es könnte auch dazu führen, vorhandene antisemitische Einstellungen gerade unter muslimischen Jugendlichen zu verstärken.

Der Zentralrat vertritt 108 jüdische Gemeinden mit rund 106 000 Mitgliedern. Die Mehrheit von ihnen ist in den vergangenen 20 Jahren aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion eingewandert.

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