Digitalisierung : Kinder, Inder, Tinder - der Standort Deutschland hat ein Problem

Lange Zeit war es den Deutschen schwer zu vermitteln, dass Digitalisierung einmal alle Lebensbereiche erfassen würde. Jetzt, da es soweit ist, fehlt das Personal. Ein Kommentar.

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Mensch und Roboter auf Du und Du. Auf der CeBIT in Hannover entstand dieses Foto von dem "fist bump" eines humanoiden Roboters ("NAO") mit einem Menschen.
Mensch und Roboter auf Du und Du. Auf der CeBIT in Hannover entstand dieses Foto von dem "fist bump" eines humanoiden Roboters...Foto: Friso Gentsch/dpa

Zeitmaschine: Um das Jahr 2000 herum wagten auch Ottonormalbürger erste Schritte ins Neuland. Es gab neue Vokabeln wie „chatten“ oder „Modem“. Provider wie AOL legten den Fernsehzeitschriften CD-ROMs bei, mit denen man Heimcomputer mit dem weltweiten Netz verbinden konnte. Boris Becker zeigte in Fernseh-Werbespots, wie einfach das ist. „Ich bin drin!“

Vielleicht waren diese ersten Eindrücke, die Millionen Verbraucher in jener Zeit von dem Internet gewannen, die Basis für Missverständnisse, die nie ganz ausgeräumt worden sind. Das Internet wurde uns präsentiert als ein Unterhaltungsmedium, im besten Falle als neuer Shoppingkanal. Dann platzte im Jahr 2000 auch noch die Dotcom-Blase. Viele Anleger wurden bitter enttäuscht.

Verknüpfung des IT-Themas mit der Zuwanderungsdebatte war desaströs

Schon damals hatten es Vordenker aus Politik und Wirtschaft schwer zu vermitteln, dass die Digitalisierung alle Lebensbereiche erfassen wird. Dass Deutschland dabei nicht nur als Volk von Konsumenten gefordert ist, sondern als Land der Produzenten, der Programmierer, Gestalter und Begleiter. So hatte die Bundesregierung zwar auf Drängen der Industrie die Greencard für ausländische IT-Fachkräfte eingeführt. CDU-Wahlkämpfer Jürgen Rüttgers aber forderte: „Statt Inder an die Computer müssen unsere Kinder an die Computer.“ Die Verknüpfung des IT-Themas mit der Zuwanderungsdebatte war desaströs. Die Greencard wurde ein Flop – auch weil die Kriterien wegen des populistischen Drucks viel zu streng waren. Bis 2004 kamen insgesamt nur 18.000 Spezialisten ins Land.

Heute, 17 Jahre später, sind weder Inder noch Kinder massenhaft am Programmieren in Deutschland. Ende 2016 gab es fast 29.000 unbesetzte Stellen für Informatiker, wie es in einer zur CeBIT veröffentlichten Studie heißt. Es fehlen Fachkräfte. Das bedeutet, dass es ja schön und gut ist, wenn man sich heute sogar in traditionellen Handwerks- und Dienstleistungsbetrieben fragt, was Digitalisierung für Firma und Mitarbeiter bedeutet. Wenn aber das Personal fehlt, um Antworten zu geben, geschweige denn die Lösung zu entwickeln, hat der Standort Deutschland ein riesiges Problem.

Ein Anti-Digitalisierungs-Wahlkampf wäre ein verheerendes Signal

Und schon wieder juckt es die CDU: Ihr Wirtschaftsexperte Carsten Linnemann riet seiner Partei am Dienstag, man müsse in der Auseinandersetzung mit der SPD stärker auf die Zukunftsängste eingehen. Viele Menschen würden bei den Themen Globalisierung und Digitalisierung „nicht an die schöne neue Welt denken“, sondern an die Zukunft ihres Arbeitsplatzes. Das stimmt. Man darf gespannt sein, wie verantwortungsbewusst und fortschrittlich die Rüttgers-Partei heute mit diesem Thema umgeht. „Kinder statt Tinder“? Schluss mit Sex im Internet? Viel Spaß.

Ein Anti-Digitalisierungs-Wahlkampf ist verlockend, wäre aber ein verheerendes Signal. Es ist nicht zu spät für Basisarbeit: Informatik, der Umgang mit großen Datenmengen und komplexen Medieninhalten gehört in die Grundschule, die Hochschule, in die Berufsschule. Und es braucht ein attraktives Programm für ausländische Experten: Kinder und Inder! Deutschland kann ein Land werden, in dem man sich nicht allein aufs Handwerk und die Maschinenbautradition verlässt, ein Land, dessen Bewohner sich selbstsicher in einer entgrenzten digitalen Welt bewegen. „Ich bin drin“, hieß es damals. „Und ich kenn’ mich hier bestens aus“, schallt es dann vielleicht zurück.

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