Politik : Diktatur im neuen Design

PUTINS RUSSLAND

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Von Christoph von Marschall

In der Not zeigt der Mensch sein wahres Gesicht. Wladimir Putin zeigt zwei. Mit leiser Stimme und tieftrauriger Miene hat er die Angehörigen der gestorbenen Geiseln um Verzeihung gebeten, dass er nicht alle habe retten können. Das wirkt so aufrichtig und mitfühlend, wie man das bisher nur von Bill Clinton kannte. Und erinnert an Putins kultivierten Auftritt im Bundestag vor einem guten Jahr: um Kooperation werbend, leutselig, fast amerikanisch. Ein ganz neuer Russe, der deutsch spricht, sich auf Goethe, Schiller und Kant beruft. Ein Staatsmann, den Welten von Breschnjew trennen, von Stalin gar nicht zu reden.

Derselbe Wladimir Putin lässt unzählige Menschen leiden, ohne mit der Wimper zu zucken – jedenfalls, ohne sichtbar einzugreifen. Seit Tagen bleiben die Angehörigen im Unklaren, ob ihre Kinder, Männer, Väter und Mütter überlebt haben. Sie werden nicht in die Krankenhäuser gelassen, drinnen werden die überlebenden Geiseln wie Gefangene gehalten. Wie können ihre verzweifelten Gesichter Putin unberührt lassen? Warum tut er nichts, um diese psychische Folter zu beenden? Oder das Gas, das zur Betäubung der Terroristen eingesetzt wurde: Frühzeitige Informationen über seine Zusammensetzung und über Gegenmittel hätten viele Menschenleben retten können. Warum wird das noch immer wie ein Staatsgeheimnis behandelt? Es bedürfte doch nur eines Winks des Präsidenten, um das zu ändern.

Ja, Moskau und der Kaukasus sind in diesen Tagen ganz eng zusammengerückt. Doch nicht allein deshalb, weil tschetschenische Terroristen den Kampf um die Unabhängigkeit in die Hauptstadt tragen. Sondern weil Russlands Führung hier wie dort nach dem gleichen Menschenbild handelt. Putin und sein Apparat scheren sich nicht um die elementarsten Rechte ihrer Bürger, sein Militär führt rücksichtslos Krieg gegen Zivilisten, Dörfer, Städte. Menschenleben und Menschenrechte zählen wenig, der Staat ist alles, das Individuum nichts.

Wie Putin zeigt auch sein Land in der Krise einen ganz anderen Charakter als die glitzernden Bilder vom neuen, verwestlichten Russland, von modernen Boutiquen, teuren Limousinen, hippen Discos und neuem Mittelstand vermuten ließen. Russland importiert Europas Luxusgüter, nicht aber Europas politische Kultur. Verhandlungen mit Tschetschenien, hat der Präsident am Trauertag grimmig bekräftigt, gibt es jetzt schon gar nicht. Politische Lösungen sind nicht vorgesehen. Von der Macht wird rücksichtslos Gebrauch gemacht, um sich durchzusetzen, Furcht zu verbreiten, Respekt zu erzwingen. Auch diesmal wurde ein kritischer Sender abgeschaltet.

Der Verlauf des Geiseldramas erweist sich immer mehr als Produkt aus autoritärem Gehabe und Chaos. Mit jedem weiteren Informationssplitter wächst das Gefühl, in die Irre geführt und belogen zu werden. Hatten die Terroristen wirklich damit begonnen, Geiseln zu erschießen, so die Begründung für den verlustreichen Zugriff? Nur ein Opfer hatte überhaupt Schussverletzungen, und die sollen von der Befreiungsaktion stammen. Kann es überhaupt stimmen, dass die Täter genug Sprengstoff dabei hatten, um ein ganzes Viertel in die Luft zu jagen, und wild entschlossen waren, es zu tun? So schnell kann man einen riesigen Theatersaal gar nicht mit Gas füllen, dass niemandem Zeit bleibt, eine vorbereitete Zündung auszulösen. Und wenn die Gefahr so groß war, warum wurden die umliegenden Straßen nicht geräumt? Wie viele Lügen sind da im Spiel, wie viele Pannen, wie viel Gleichgültigkeit, ob ein paar hundert Menschen sterben müssen? Es passt ins Bild, dass kein Krankenhaus auf die Versorgung von Gasverletzungen vorbereitet wurde.

Das alles schreit nach einer internationalen Untersuchung. Dazu wird es jedoch nicht kommen. Der Westen braucht Putin ja für seinen Kampf gegen den Terror, im UNSicherheitsrat und anderswo. Das Geiseldrama hat immerhin etwas klarer konturiert, was für ein Verbündeter das ist. Unter dem neuen westlich-modernen Mäntelchen steckt zu einem Großteil immer noch Breschnjews Russland – mit einem für Europäer unakzeptablen Menschenbild. Der Ausgang des Geiseldramas ist ein Sieg für Putin und seinen starken Staat. Es ist kein Sieg für die Geiseln – und eine Niederlage für das europäische Russland.

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