Politik : Diktatur in Plüsch

Studie zeigt: Viele ostdeutsche Schüler haben ein positives Bild von der DDR, weil sie nur noch wenig über den SED-Staat wissen

Mirja Brücker,Verena Friederike Hasel

Geringe geschichtliche Kenntnisse gehen vor allem bei ostdeutschen Jugendlichen mit einer positiven Einschätzung der DDR einher. Westdeutsche Jugendliche haben dagegen nicht nur mehr Wissen über den SED-Staat, sondern beurteilen ihn auch kritischer. Zwei Drittel aller Jugendlichen sind außerdem der Meinung, in der Schule zu wenig über die DDR zu erfahren, am besten ist die Lage noch an bayerischen Schulen. Das geht aus einer Studie hervor, die der Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin am Freitag in Berlin vorstellte.

In den vergangenen drei Jahren haben die Politikwissenschaftler Klaus Schroeder und Monika Schroeder-Deutz 5200 Schüler im Alter von 16 und 17 Jahren aus Bayern, Nordrhein-Westfalen, Berlin und Brandenburg zur DDR befragt. Dabei ging es darum, was sie über den Staat wussten und welche Meinung sie von ihm hatten. Die bislang veröffentlichten Teilergebnisse aus den einzelnen Bundesländern hatten ein mangelndes Geschichtsbewusstsein gezeigt und Besorgnis hervorgerufen. Schroeder spricht von „einer erschreckenden Verklärung der DDR-Geschichte in der Gesellschaft – nicht nur bei den Schülern“. Er beobachte zudem vor allem bei jungen Ostdeutschen „eine große Distanz zum politischen System der BRD und ihrer Wirtschaftsordnung“.

Die Forscher fanden auch heraus, dass es zwischen Kenntnisstand und Urteil über die DDR einen Zusammenhang gibt: „Wer wenig weiß, beurteilt die DDR positiver“, erklärte Schroeder.

„Die Bundesrepublik vor 1989 war zwar anders, aber auch nicht besser als die DDR“ – dieser Aussage stimmten zwei Drittel der befragten Ostdeutschen, aber nur ein Drittel der Westdeutschen zu. Das kann als symptomatisch für die von der Studie erfasste Stimmungslage insgesamt gelten; die Jugendlichen aus Ost sind mild, die aus West ein wenig strenger. So fanden immerhin zwei Drittel der Befragten aus den drei westlichen Untersuchungsregionen, dass die DDR eine Diktatur gewesen sei. Von ihren ostdeutschen Altersgenossen teilte nur die Hälfte diese Meinung. Diese durchweg positivere Bewertung auf ostdeutscher Seite zeigte sich Schroeder zufolge selbst an Berliner Schulen, wo Jugendliche aus Ost und West zusammen unterrichtet wurden. Aufgeweicht wurde die Verteilung nur bei den Fragen nach der Sozialpolitik im Osten. Mit ihr zeigten sich 15 Prozent der Ostdeutschen, aber auch nur 30 Prozent der Westdeutschen unzufrieden. Den Wissenschaftlern zufolge ist dies ein Indiz für um sich greifende Zukunftsangst unter jungen Menschen.

Mit 18 Fragen sollten die DDR-Kenntnisse ermittelt werden, sie stellten sich als mangelhaft heraus, vor allem in Ostberlin und Brandenburg. Dort wussten nicht mehr als 20 Prozent, dass das DDR- Regime bis 1987 die Todesstrafe gehabt hatte. Dass sich aus dem Informationsgrad die Bewertung speist und mangelnde Kenntnisse deshalb gefährlich sind, das ist eine von Schroeders Hauptthesen. Am kritischsten gegenüber der DDR waren bayerische Schüler und Gymnasiasten, zugleich wussten sie am besten Bescheid. Den Gegenpol bildeten Brandenburger und Gesamtschüler, sie waren am unkritischsten und hatten die größten Wissenslücken. Als entscheidender von diesen beiden Größen – Region und Schultyp – stellte sich die Region heraus: Bayerische Hauptschüler waren im Durchschnitt noch besser informiert als Brandenburger Gymnasiasten. Als besonders positiv am bayerischen Unterricht hoben die Wissenschaftler hervor, dass die Unterdrückung von Regimekritikern dort ausdrücklich im Lehrplan erwähnt wird. In den anderen untersuchten Ländern tauchte die DDR nur im Zusammenhang mit dem Kalten Krieg auf.

Kritik erfuhr diese Studie vonseiten des Erziehungswissenschaftlers Bodo von Borries. Der Professor an der Uni Hamburg war vom Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) mit einem Gutachten betraut worden, da sich Schroeders Ergebnisse erheblich von denen einer anderen Studie unterschieden: In einer Untersuchung, die Ulrich Arnswald 2006 im Auftrag der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur durchgeführt hatte, war der Kenntnisstand der Berliner Schüler als besonders hoch eingestuft worden. Ähnlich wie in der aktuellen Studie war aber auch die Notwendigkeit geäußert worden, der DDR-Geschichte im Unterricht einen größeren Stellenwert einzuräumen – auch wenn das auf der Grundlage wieder anderer Zahlen geschah: „Als problematisch ist zu bewerten, dass 31 Prozent der Schüler DDR-Geschichte nicht im Unterricht der Sekundarstufe I behandelt haben“, hieß es.

Im Gutachten bemängelte von Borries, dass beide Untersuchungen nicht repräsentativ seien – Arnswald habe Real- und Hauptschüler ganz außen vor gelassen, Schroeder habe nur wenige von ihnen befragt. Außerdem hält der Wissenschaftler die Rolle des Schulunterrichts in den Studien für überbewertet: „Jede Vermutung, Geschichtsunterricht könne mit ein paar ,Lektionen‘ diese elementare Spiegelung der Erwachsenenwelt bei den Jugendlichen einfach auslöschen, ist unglaublich naiv.“ Zeitgleich mit Herausgabe dieses Gutachtens erklärte Zöllner, dass die Berliner Schule die Defizite der Schüler in Hinblick auf die DDR-Vergangenheit in Angriff nehmen werde – ungeachtet der Kritik an den Studien.

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