Politik : Diplomat in Uniform

Der neue Isaf-Kommandeur soll in Afghanistan seinen Irak-Erfolg wiederholen

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General Allen soll den Abzug der US-Truppen organisieren. Foto: AFP
General Allen soll den Abzug der US-Truppen organisieren. Foto: AFPFoto: AFP

Berlin - Auf Fotos schaut er, wie man sich einen amerikanischen Marine vorstellt: ernst, entschlossen, kompromisslos. John R. Allen, General der US-Marineinfanterie und neuer Kommandeur der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan (Isaf), gehört dabei nicht zu den Haudraufs des amerikanischen Militärs. Er gilt als gewiefter Stratege, als Diplomat in Uniform und zählt nach den Einschätzungen der US-Medien zu den herausragenden Köpfen der Generalität. Als Kommandeur der Isaf übernimmt er nun die schwierigste Aufgabe, die das amerikanische Militär derzeit zu vergeben hat. Er soll den Abzug der US-Truppen vom Hindukusch bis 2014 möglich machen, ohne dass Afghanistan im Chaos versinkt.

Vorschusslorbeeren erhielt der General genug. US-Präsident Barack Obama lobte Allen in den höchsten Tönen und auch Oppositionspolitiker und Militärexperten trauen ihm zu, den Weg seines Vorgängers fortzusetzen. Unter Petraeus war es der Isaf gelungen, die Taliban in ihrer Hochburg Kandahar und in anderen Unruheprovinzen unter Druck zu setzen.

Allen verdiente sich seinen ausgezeichneten Ruf im Irak. Dort befehligte er 2007 und 2008 die Marines in der Provinz Anbar, wo Aufständische und Terroristen den US-Truppen hart zusetzten.General Petraeus hatte damals den amerikanischen Oberbefehl in Bagdad inne. Gemeinsam mit Allen setzte er das neue Counter-Insurgency-Konzept der US- Streitkräfte um.

Diese Strategie der Aufstandsbekämpfung hat Petraeus, der in Princeton über den Vietnamkrieg promovierte, gemeinsam mit einem weiteren General im Feldhandbuch 3-24 erarbeitet. Dessen Fazit: Die neuen, asymmetrischen Kriege können nicht allein mit Militär entschieden werden. Die Amerikaner müssten die Herzen und Köpfe der Menschen gewinnen, Das Konzept übertrug Petraeus dann auf Afghanistan – als Obama seinen Lieblingsgeneral plötzlich im Juli 2010 vom Centcom-Kommando in Florida nach Kabul versetzte.

General Allen folgt ihm nun auf einem ganz ähnlichen Weg. Er war bis Juni stellvertretender Kommandeur des Centcom. Kurz vor dem Dienstantritt bei Isaf wurde er befördert und erhielt seinen vierten Generalsstern. „Ich weiß genau, vor welchen Herausforderungen wir stehen“, sagte der 57-Jährige zum neuen Kommando. Er soll die Aufständischen weiter unter Druck setzen, die Sicherheitsverantwortung für weitere Regionen an die afghanische Armee übergeben und so den Abzug der Amerikaner vorbereiten – und das alles mit deutlich weniger Truppen. Denn Präsident Obama hat angekündigt, bis September 2012 rund 33 000 Soldaten nach Hause holen zu wollen, ein Drittel der in Afghanistan eingesetzten US-Kräfte.

Petraeus sagte bei seinem Berlin-Besuch am Dienstag, dass die Gesamtzahl der Soldaten in Afghanistan nicht sinken werde, da die afghanischen Sicherheitskräfte stark aufgestockt würden. Deren Ausbildung zu forcieren und den gemeinsamen Einsatz von Isaf und Afghanen besser zu koordinieren, wird eine der Hauptaufgaben des Neuen an der Spitze der westlichen Truppen am Hindukusch sein. Denn bisher waren die afghanischen Sicherheitskräfte bei der Bekämpfung der Extremisten nicht sehr erfolgreich. Als vor wenigen Wochen ein stark gesichertes Hotel in Kabul gestürmt wurde, gelang es erst amerikanischen Soldaten, die Angreifer auszuschalten. Die afghanischen Soldaten waren wie so oft überfordert.

Allen soll nun seinen erfolgreichen Einsatz im Irak wiederholen. Dort gelang es ihm, sunnitische Stammesmilizen, die zuvor die Amerikaner und die Regierung in Bagdad bekämpft hatten, zu einem Seitenwechsel zu bewegen. Die Clans vertrieben daraufhin gemeinsam mit den US- Truppen die Aufständischen und Terroristen der Al Qaida aus einigen Unruheprovinzen. Die Gewalt ging zurück. Die Verhältnisse in Irak lassen sich nicht eins zu eins auf Afghanistan übertragen, aber auch dort sind Amerikaner mit Aufständischen im Gespräch. Vor kurzem bestätigten US-Regierungsvertreter, dass Washington nun auch direkt mit den Taliban verhandle.

Die Taliban sind keine homogene Gruppe, in den vergangenen Monaten wechselten bereits ehemalige Aufständische die Seite und kämpfen nun in lokalen Polizeimilizen gegen die Taliban. Allen könnten seine Erfahrungen aus dem Irak nützlich sein, um das Aussteigerprogramm voranzutreiben.

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