Politik : Diplomaten-Ausweisungen: Mit den eigenen Waffen geschlagen

Elke Windisch

Russland weigerte sich lange, das Ungeheuerliche zu glauben: Erste Gerüchte über die bevorstehende Ausweisung von vier russischen Diplomaten durch Washington und weiteren 46, die das Land bis Sommer verlassen müssen, zirkulierten in Moskau schon am Mittwochabend. Spekulationen, wähnte Außenminister Igor Iwanow noch am Donnerstagnachmittag. Sogar die Erklärung, die er nach einem Telefonat mit US-Außenminister Powell am späten Abend im ersten Programm verlesen ließ, klang eher nach Schadensbegrenzung. Der letzte Satz hatte es allerdings in sich: Russland werde auf diesen unfreundlichen Schritt adäquat antworten. In der Praxis bedeutete dies, dass vier in Russland tätige amerikanische Diplomaten ihre Koffer packen mussten.

Iwanows Bitte, die Medien sollten die Sache nicht dramatisieren, war vergeblich. Das Thema beherrscht die Schlagzeilen. Die kritische "Sewodnja" spricht von einem "Schlag, der den Präsidenten offenbar an empfindlichster Stelle getroffen hat". Erstmalig, so das Blatt, setze Washington gegen den früheren KGB-Mann Putin eine Waffe ein, auf die er das Vorkaufsrecht zu haben glaubte - die Geheimdienste.

Am 18. Februar war in den USA Top-Agent Robert Hanssen aufgeflogen, der 15 Jahre lang für Moskau spioniert und als leitender Mitarbeiter des FBI Zugang zu den wichtigsten Staatsgeheimnissen hatte. Die Massenausweisung russischer Diplomaten aus den USA ist offenbar das Ergebnis erster Geständnisse Hanssens. Zwar hatte Moskau das Gefecht an der unsichtbaren Front nach dem Ende der Blockkonfrontation in den USA weitgehend eingestellt, Ende der Neunziger schlafende Agenten jedoch erneut aktiviert. Momentan, so schreibt die "Neue Iswestija" unter Berufung auf Geheimdienstquellen, seien zwischen New York und San Francisco etwa 200 Agenten im Einsatz.

Der ehemalige Chef der sowjetischen Auslandsaufklärung, Leonid Schebarschin, zeigte sich von den Ausweisungen dennoch überrascht: Nie habe es bei den Geheimdiensten "Unfälle" gegeben, die derartig überzogene Reaktionen gerechtfertigt hätten. Nach Ansicht der Radikalreformerin und Duma-Vizepräsidentin Irina Hakkamada zeugt die Affäre von "einem neuen Tiefpunkt im russisch-amerikanischen Verhältnis". Die USA, so die "Iswestija", sollen den Rauswurf schon vor zwei Wochen beschlossen haben. Sie hätten aber das Klima für den Besuch von Sergej Iwanow, dem Sekretär des nationalen Sicherheitsrates, nicht vergiften wollen. Iwanow legte jedoch - mit Themen wie NMD und ABM-Vertrag, den Waffengeschäften Moskaus mit Iran und der Annäherung an andere Staaten mit zweifelhaftem Ruf - eine diplomatische Bruchlandung hin, und Washington ließ die Hunde los.

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