Politik : Diplomaten-Diplom

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Diplomat zu werden bedarf es wenig. Man darf das den Diplomaten nicht sagen, weil die Aufnahmeprüfung für den auswärtigen Dienst zu den härteren Examinationen gehört. Es muss ja einer auch etwas zu bieten haben, bevor wir ihn in unser aller Namen auf fremde Länder loslassen. Gepflegtes Äußeres, sicheres, doch dezentes Auftreten auch nach längerem geselligen Alkoholgenuss, charmante Intelligenz gepaart mit Tropentauglichkeit – so steht es vor unserem inneren Auge, das Idealbild des Diplomaten.

Wir wissen das so genau, weil wir uns gerade ganz kurz selber so gefühlt haben. Auf dem CDU-Parteitag in Leipzig. Hinter den ebenerdig aufgestellten Delegiertenbänken gibt es bei solchen Parteitagen immer etliche erhöhte Stuhlreihen, die durch Schilder den diversen Gruppen geladener Zaungäste zugewiesen sind. Parteitagsdiplomat wird man infolgedessen einfach dadurch, dass man sich den nächsten leeren Stuhl zwischen einem unverkennbar asiatischen und einem unverkennbar südeuropäischen Herren sucht. Es erhebt sehr. Unwillkürlich strafft sich der Körper, die Bewegungen gewinnen an Würde, unser ganzes Ich umhaucht ein Stück Verantwortungsbewusstsein für die Volksrepublik. Fantasien, deren Vertreter wir sind, im Range mindestens eines forttragenden Delegationsrats. Ist nicht aus dem Schuster Voigt auch ein ganz passabler Hauptmann geworden, damals?

Unter den „Diplomaten und ausländischen Gästen“ sich niederzulassen ist eine uneingeschränkt positive Erfahrung. Viel schöner als hinter dem Schild „Gäste“. Da sammeln sich die Proletarier unter den Geladenen, entfernte Verwandte, die dem Gastgeber derart egal sind, dass er nicht mal sie auszuladen sich die Mühe macht.

Dieser mindere Status wird überdeutlich durch die Existenz einer weiteren, einer dritten Kategorie. „Bes. Gäste“ vermeldet das Schild. Doch auch die „Bes.“ (Besondere?) hocken hart. Nur der Diplomatenstuhl, wiewohl aus gleichem blankem blauem Plastik, erhöht das Selbst.

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