Politik : Diplomaten im Schlafsack

Hans Monath

Vor den Soldaten kommen die Diplomaten: Lange bevor die ersten Bundeswehreinheiten für die Internationale Schutztruppe in Afghanistan eingetroffen sind, haben wichtige Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes in Kabul schon ihre Arbeit aufgenommen. Der diplomatische Pionier Berlins vor Ort heißt Rainer Eberle. Er baut unter schwierigen Bedigungen eine Botschaft auf, muss aber auf den Titel eines Botschafters vorerst verzichten. Denn so lange es keine neue afghanische Regierung gibt, bei der er sich akkreditieren könnte, ist Eberle offiziell nur Chef des deutschen Verbindundungsbüros in Kabul.

Sowohl die Residenz des (ehemals westdeutschen) Botschafters wie auch der dazugehörige Bürotrakt und die frühere DDR-Botschaft haben Krieg und Bürgerkrieg überstanden und können nun genutzt werden. Die ehemalige westdeutsche Kanzlei bekam in den 90-er Jahren einen Bombentreffer im oberen Stockwerk ab, in der alten DDR-Vertretung fehlen die Fenster. An allen Gebäuden arbeiten deutsche Helfer und Techniker, die mit Eberle gekommen sind. Aber die diplomatischen Pioniere bringen vorsichtshalber einen eigenen Schlafsack mit.

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In der Ex-DDR-Botschaft soll der EU-Beauftragte Klaus-Peter Klaiber seinen Stab einrichten, wenn das Gebäude endlich hergerichtet ist. Im Auswärtigen Amt geht man davon aus, dass der Diplomat aus Deutschland zunächst auch die Infrastruktur der eigenen Botschaft nutzen muss. Um die großen Gestaltungsaufgaben und politischen Linien muss sich Klaiber kümmern, denn Berlin liegt sehr an einem einheitlichen europäischen Vorgehen. Eberle soll vor allem für die Koordination der deutschen humanitären Hilfe und den Aufbau bilateraler Beziehungen zwischen Berlin und den neuen Machthabern in Kabul zuständig sein.

Den Aufbau von Bildungseinrichtungen für Frauen und Mädchen halten die Deutschen für besonders wichtig. Am Dienstag machte sich die deutsche Diplomatin Ursula Müller aus Berlin auf den Weg nach Kabul. Die "Beauftragte für Kontakte mit der Zivilgesellschaft" will vor allem Frauen für den Wiederaufbau gewinnen. Die 44-jährige Diplomatin kümmerte sich für das Auswärtige Amt unter anderem im Jugoslawien-Konflikt um traumatisierte weibliche Opfer, im Kosovo arbeitete sie im Büro des zivilen Koordinators der Bundesregierung.

Die Berliner Vertreter müssen sich darauf einstellen, dass die Erwartungen der Afghanen an sie besonders hoch sind: Die Deutschen sind in Kabul sehr beliebt, weil sie keine kolonialen Interessen und viel für die Bildung der Afghanen getan haben. Der Sympathie-Bonus könnte auch den Bundeswehr-Soldaten zu Gute kommen, die mit der Internationalen Friedenstruppe ins Land kommen können.

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