Politik : Diplomaten-Treck

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Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Der deutsche Diplomat ist ein unstetes Wesen. Drei Jahre hält er es auf seinem Posten aus, heiße er nun Moskau, Montevideo oder Rawalpindi. Doch nach Ablauf dieser drei Jahre verordnet ihm sein Dienstherr Fernweh. So begibt er sich auf Reisen. Der von Montevideo verkauft den Strohhut, erwirbt einen Pelz und zieht mit Sack und Pack und Weib und Kind nach Moskau um. Der Moskauer versetzt seine Pelzmütze, erwirbt Sandalen und jettet nach Kuala Lumpur. Sein Vorgänger in Kuala Lumpur tankt eine Runde in der Zentrale in Berlin auf. Dieser absonderliche Brauch stammt noch aus den Zeiten, als Diplomatie und Spionage eng verwandte Genres waren und die Damen und Herren in den Botschaften und Konsulaten weitaus vornehmer taten, als sie waren. Nach ungefähr drei Jahren wäre demnach so ein Agent im Frack entweder der Enttarnung nahe oder von der Gegenseite gekauft – in beiden Fällen hohe Zeit, ihn abzuziehen.

Jahr für Jahr begibt sich bis zu einem Viertel der etwa 8000 Bediensteten des Auswärtigen Amtes auf Wanderschaft. Bis 2001 war das ein ständiges Kommen und Gehen. Seither herrscht familienfreundliche Ordnung: Damit wenigstens die Heimkehrer ihre Kinder pünktlich ins nächste Schuljahr kriegen, rotiert das diplomatische Corps zum festen Termin in den Sommerferien.

Das warf indessen ein unerwartetes Problem auf. Das deutsche Speditionsgewerbe erwies sich dem Massenansturm schlecht gewachsen. Nach solcher Erfahrung geht es im Auswärtigen Amt dieser Tage ein bisschen zu wie in einer Karawanserei vor dem Morgengrauen: Rechtzeitig vor dem großen Treck sucht sich jeder bereits jetzt sein Lasttier zu sichern.Robert Birnbaum

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