Diplomatenaustauschprogramm : Erklärer der jeweils anderen Mentalität

Seit 1992 gibt es zwischen den USA und Deutschland ein Austauschprogramm. "Warum sind die Deutschen so kompliziert", lautet eine häufig gestellt Frage.

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Hat auf dem Diplomatenaustausch viel erlebt: Conrad Tribble
Hat auf dem Diplomatenaustausch viel erlebt: Conrad TribbleFoto: promo

Wo immer die Erde bebt zwischen den Staaten, sie sind der Kitt der alles zusammenhält. Seit 1992 gibt es zwischen den USA und Deutschland ein Diplomatenaustauschprogramm. Amerikanische Diplomaten und Diplomaten aus europäischen und Nato-Mitgliedstaaten können in dessen Rahmen jeweils neun bis zwölf Monate im jeweils anderen Außenministerium arbeiten.

Als Conrad C. Tribble diesen Austausch als 4. Teilnehmer überhaupt im Jahr 1994/95 begann, brachte er schon einige Deutschland-Erfahrung mit. In der High School zu Hause in Los Angeles hatte er Deutsch gelernt, in der Nähe von Bremerhaven ein Austauschjahr absolviert. Ein weiteres Austauschjahr hatte er als Student in Bonn eingelegt. Er war von Anfang an begeistert von dem Programm, sah es als große Chance, dass man sich besser kennenlernt. Bis heute seien die Kenntnisse, die er dort erworben hat, nützlich und einzigartig. Nicht nur lernte er das deutsche System und die deutsche Art zu denken viel besser verstehen. Er hatte auch die Möglichkeit „ganz viel über die EU zu lernen, was ich so nicht erwartet hätte.“

Die jeweils andere Seite verstehen lernen

So lernte er zum Beispiel verstehen, wie die Europäische Union die Außenpolitik Deutschlands beeinflusst und wie EU-Verhandlungen funktionieren. Diese Kenntnisse haben sich bis heute als wertvoll erwiesen. Gerade in Zeiten, wo es so viele gemeinsame Themen und Interessen gibt, wie Terrorismusbekämpfung zum Beispiel, Entwicklungshilfe, Handelsfragen, hilft es zu wissen, wie der jeweils andere denkt. Persönliche Beziehungen, die man während eines solchen Jahres aufbaut seien immer wichtig, aber umso wichtiger in Zeiten, wo es politische Unterschiede gibt. „Wir als Diplomaten haben die Aufgabe, die jeweils andere Seite zu verstehen.“ Heute ist Tribble Leiter der Abteilung für europäische und eurasische Angelegenheiten im US-Außenministerium und greift immer noch gern auf die Kontakte aus dem Austauschjahr zurück.

Das geht Martina Nibbling-Wriessnig vom Auswärtigen Amt genauso. Sie hat unmittelbar nach den Terroranschlägen vom 9. September 2001 an dem Programm teilgenommen. Dabei fand sie sich oft in der Rolle der Erklärerin wieder. „Warum sind die Deutschen so kompliziert“, lautete eine häufige Frage, Es war eine Zeit, in der die Beziehungen auch von Turbulenzen gekennzeichnet waren. Auch darum war es eine besondere Erfahrung für sie, als Deutsche wie eine US-Diplomatin behandelt zu werden. Sie durfte sogar im Rahmen einer Nato-Konferenz die US-Politik im Balkan erläutern oder die US-Balkan-Politik vor amerikanischen Drei-Sterne Generälen lehren.

Die Russen ticken anders, als sie vorher dachte

Der Wunsch, an diesem Austauschprogramm teilzunehmen, hatte seinen Ursprung in ihrer Zeit in Moskau, wo sie so viel gelernt hat, wie die Russen ticken. Anders, als sie vorher dachte. Beiden Amerikanern dächten die Deutschen immer, sie wüssten genau, wie die denken. Man könne sie einfach als Europäer sehen. Dass dies gar nicht der Fall sei, gehört zu den wichtigen Erkenntnissen, die dieses Programm vermittelt.

Conrad Tribble hat nach seiner Zeit als Austauschdiplomat eine andere Entwicklung interessiert verfolgt. Als er an dem Programm teilnahm, war die Mauer grade mal vier Jahre weg, Deutschland hatte sich noch nicht an seine neue Rolle in der Welt gewöhnt. „Unser Selbstverständnis als globale Führungsmacht zu agieren, war damals nicht das Selbstverständnis Deutschlands“, erinnert sich der US-Diplomat. Inzwischen habe sich Deutschland da deutlich weiterentwickelt.

Beide Diplomaten sind bis heute in ihrem jeweiligen Umfeld Erklärer der jeweils anderen Mentalität, der unterschiedlichen Arten die Welt zu sehen. Insofern wirken sie auch wie Multiplikatoren. Und sie können auf diese Weise Turbulenzen abmildern. Egal wer in den USA oder in Deutschland die politische Macht hat: durch ihre Erläuterungen in der unmittelbaren Umgebung helfen sie, die Botschaft der gemeinsamen Interessen weiter zu verbreiten. Und festigen so de Beziehungen auch in politisch herausfordernden Zeiten.

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