Politik : Diplomatengipfel: Familientreffen im Mutterhaus

Thomas Kröter

So etwas hat es nicht gegeben seit der Gründung des Auswärtigen Amtes (AA) 1870: Alle 141 Botschafter, 59 Generalkonsuln sowie 12 Missionschefs bei internationalen Einrichtungen (wie Nato, UN und EU) sind zu einer gemeinsamen Konferenz mit dem Minister und den Spitzen des "Mutterhauses" nach Berlin geladen. Joschka Fischer, seit zwei Jahren Hausherr im imposanten Bau am Werderschen Markt, will mit dem diplomatischen Round-up zum Beginn der zweiten Halbzeit dieser Wahlperiode den "internen Dialog- und Reformprozess forcieren" - zehn Jahre nach der deutschen Einheit.

Was früher Auswärtiger Dienst genannt wurde, soll - im "Denglisch" unserer Tage - den "Servicecharakter" für Bürger und Wirtschaft noch stärker in den Vordergrund stellen. Das gilt für Exportförderung wie für das "humanitäre Krisenmanagement", im schlimmsten Fall bei Geiselnahmen wie auf der philippinischen Insel Jolo. Die Diplomaten sollen weniger Daten berichten, die man daheim aus dem Internet "downloaden" kann. Die diskrete Demarche soll keineswegs sterben, aber das Schlagwort der Zukunft heißt "public diplomacy": Botschafter müssen in der Lage sein, schlagfertig an Fernsehdebatten im Einsatzland teilzunehmen.

Die These, dass die Außenpolitik in der EU immer mehr zur europäischen Innenpolitik mutiert, wird auf diese Weise beim Wort genommen. "Wenn der deutsche Steuerzahler von Entscheidungen in Finnland oder Portugal betroffen wird, muss der deutsche Staat versuchen, den politischen Entscheidungsprozess dort zu beeinflussen", erläutert Staatssekretär Wolfgang Ischinger. Auch die neuen Techniken verändern den alten Dienst. Da mit wenigen Ausnahmen (wie Pjöngjang) fast alle Vertretungen E-mail-fähig sind, können sich "virtuelle Referate" bilden. Bei der Flutkatastrophe in Mosambik arbeiteten so die Botschaft vor Ort mit der zuständigen Abteilung zusammen, als seien sie auf unterschiedlichen Fluren eines Hauses.

Die Idee, darüber auf einer großen Gesamtkonferenz zu reden, hat Staatssekretär Ischinger aus Paris mitgebracht. Dort war er im vorigen Jahr Gast der Zusammenkunft, zu der Frankreichs Diplomaten regelmäßig am Ende der Sommerferien einladen. Nicht zufällig spricht daher zur Eröffnung der ersten Berliner Tagung außer Joschka Fischer und Bundeskanzler Gerhard Schröder auch Frankreichs Außenminister Hubert Vedrine. Die verschiedenen Probleme, von der Balkankrise über die Nato-Erweiterung bis hin zur Rolle des Islam werden an verschiedenen "Tischen" erörtert.

Wie sehr ihm die Reform des AA am Herzen liegt, signalisiert Fischer damit, dass er die Plenardebatte über "Herausforderung und Perspektiven" des Dienstes selbst (ein)leitet. Dabei sollen die Diplomaten auch Gelegenheit haben, ihrem Frust über den Sparkurs von Finanzminister Hans Eichel Luft zu machen, der auch in ihren Reihen zu erheblichen Einschnitten führt.

Ein Beispiel dafür gibt die Tagung: Falls sie nicht zwingende dienstliche Verpflichtungen anführen können, bekommen die Teilnehmer die Anreise nur bezahlt, wenn sie mit dem ohnehin erstatteten Heimaturlaub verbunden ist. Ersparnis: Über eine Million Mark.

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