Politik : Diplomatie eiskalt

Offiziell hält sich Washington zurück – doch hinter den Kulissen wird Putin Undankbarkeit vorgeworfen

Christoph von Marschall[Washington]

Die Reaktion in den US-Medien ist einmütig: „anmaßend“, „undiplomatisch“, „finster“, „unnachgiebig“, heißt es in den Kommentaren zur Rede des russischen Präsidenten Wladimir Putin bei der Sicherheitskonferenz in München. Kurz: Ein Rückfall in den Kalten Krieg. Dagegen wird der Auftritt des eigenen Verteidigungsministers Bob Gates als witzig und gewinnend beschrieben.

Die Regierung gibt sich diplomatisch. Sie weist zwar Putins Vorwurf zurück, die USA bedrohten den Frieden weltweit, wirbt aber auch um Kooperation. „Wir wollen keine Konfrontation“, betonen das Weiße Haus und das Außenministerium. „Vor uns liegen viele gemeinsame Vorhaben“, sagt Gates. Hinter den Kulissen jedoch herrschen in Washington Bestürzung und Ratlosigkeit. „Es kam nicht überraschend, aber es ist unangenehm und feindlich“, sagt ein Insider. Russland verhalte sich in letzter Zeit, als könne es vor Kraft kaum laufen, und schwimme dank der Öl- und Gasexporte im Geld. Moskau werde im UN-Sicherheitsrat gebraucht für Sanktionen gegen den Iran. Umgekehrt habe der Westen heute keinen starken Hebel.

Vor allem drei Erklärungen sind unter politischen Beobachtern zu hören. Die erste: Moskau sei verärgert, fühle sich nicht ausreichend gewürdigt und sei es leid, ständig gelehrmeistert zu werden wie ein Demokratieschüler, der unzureichende Leistungen zeigt. Die zweite: Putin hoffe auf Beifall der Europäer, die Präsident Bushs Politik mehrheitlich ablehnen. Dies wäre jedoch eine Fehleinschätzung, weil Russlands Image durch politische Morde und die erpresserische Energiepolitik gelitten habe. Putin sei kein glaubwürdiger Kronzeuge gegen Bush, heißt es in Washington. Die dritte: Putin ziele auf die russische Öffentlichkeit. Der Präsident habe in der Höhle des Löwen die Anerkennung Moskaus als Weltmacht gefordert. Es heißt aber auch, Putins Auftritt sei emotional gewesen, habe nicht strategisch durchdacht gewirkt. „Der Frust musste mal raus.“

In den USA ist der Zorn jetzt groß. Jahrelang habe der Westen Moskau hofiert, heißt es inoffiziell, Russland sei in den Kreis der G-8-Staaten aufgenommen, und am Nahostquartett beteiligt worden, man habe ihm die Nato-Partnerschaft angeboten und sich zum gemeinsamen Krieg gegen den Terror bekannt, obwohl man Putins Methoden in Tschetschenien ablehne. Die Regierung habe sich zudem mit Kritik an Putins Vorgehen gegen die Demokratiebewegung zurückgehalten. Und obwohl Präsident Bush sich fast nie mit Außenministern anderer Staaten treffe, habe er kürzlich eine Stunde für Sergej Lawrow reserviert. „Es war das letzte Mal“, heißt es in Washington.

Der Dank für so viel Entgegenkommen: Moskau liefere Waffen an den Iran und Syrien, behindere UN-Resolutionen gegen Teherans Atomprogramm, blockiere die Unabhängigkeit Kosovos. Aus dem Protokoll dieser auseinanderklaffenden Wahrnehmungen lässt sich vor allem eines herauslesen: Das Verhältnis zwischen Washington und Moskau ist geprägt von Enttäuschungen – und es ist zerrüttet.

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