Diplomatische Krise : Reisen Sie noch in die Türkei?

Die Türkei hat wunderbare Plätze, um Urlaub zu machen. Zugleich sitzen in den Gefängnissen politische Häftlinge. Darf man da noch hin? Ein Pro & Contra.

Frank Herold und Christian Vooren
Nach dem Putschversuch vor einem Jahr blieben viele Deutsche der Türkei fern - hier eine Einkaufsstraße an der Türkischen Riviera. (Archiv) Foto: dpa/Marius Becker
Nach dem Putschversuch vor einem Jahr blieben viele Deutsche der Türkei fern - hier eine Einkaufsstraße an der Türkischen Riviera....Foto: dpa/Marius Becker

Pro von Frank Herold

Erdogan ist ein ebenso machtgeiler wie paranoider Diktator. Kein Zweifel. Der Gedanke, er ließe sich durch die Drohung mit einen Reiseboykott beeindrucken, erscheint mir ziemlich albern. Unabhängig davon, wie wichtig der Tourismus für die Wirtschaft der Türkei ist: Wirklichen Schaden würden am Ende wohl nur die kleinen Unternehmer in den Urlaubsorten erleiden. Die Drohung, die Deutschen könnten ausbleiben, ist in Wahrheit nur eine Ersatzhandlung deutscher Politiker – und noch dazu eine ziemlich unlautere.

Politiker stehlen sich aus der Verantwortung

Zum einen, weil sie offenkundig nach Gutdünken angewandt wird. Einige derer, die heute einen Reiseboykott der Türkei fordern, sind weit davon entfernt, einen solchen für Russland oder China zu verlangen. Und zum Zweiten wird dadurch eine zutiefst politische Frage moralisiert: Alle, die dennoch reisen, handeln gewissenlos, heißt die Botschaft. Denn: Darf man sich am Strand sonnen, wenn in der Nähe Menschen Opfer der Diktatur werden? Die Frage so gestellt, darf man natürlich nicht. Aber da wird ein absurder Zusammenhang konstruiert. Gewendet hieße der Satz doch: Wer sich nicht mehr in der Türkei sonnt, der setzt sich für die Freilassung von Deniz Yücel ein. Wenn es so einfach wäre.

Die Politiker stehlen sich aus ihrer Verantwortung. Denn es sind die Regierungen, nicht die Touristen, die auf autokratische Regimes Druck ausüben müssen. Wirtschaftliche Sanktionen sind dabei nicht nur wichtig, sondern unverzichtbar. Aber sie müssen sich ganz direkt auf den Diktator und seine Gefolgschaft richten – nicht pauschal gegen ein Land. Das ist nicht einfach. Aber wer das Land und seinen Diktator in eins setzt, spielt letztlich den Regimes letztlich in die Hände. Denn es ist die Behauptung der Diktatoren, sie seien eins mit dem Land.

Nicht auf Begegnung verzichten

Zuletzt eine kleine Hoffnung: Reisen verändert nicht nur den Touristen. Es verändert auch ein wenig das Land, in das er reist. Reisen sind Begegnungen, Information und Austausch. Vielleicht ist in einem Ausnahmefall ein Urlauber schon einmal einem Diktator persönlich begegnet. Dafür aber trifft er oft viele „ganz gewöhnliche“ Menschen. Darauf sollten wir nicht verzichten.

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