Politik : Disharmonie im Doppeltakt

Garmisch-Partenkirchen, das ist: Zugspitze, Olympia, Lederhose. Und Richard Strauss. Und das passt alles zusammen unter einen Hut?

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Olympischen Winterspiele aus. Auf Druck der Nazis werden die beiden Gemeinden zwangsfusioniert.
Olympischen Winterspiele aus. Auf Druck der Nazis werden die beiden Gemeinden zwangsfusioniert.Foto: picture-alliance / imagestate/HI

Sinnfälliger hätte es gar nicht kommen können. Schrummtata. Die Reporterin reibt sich die Hände, der Institutsleiter kriegt einen roten Kopf. Da sitzt man im schnuckeligen Konzertsaal des Richard-Strauss- Instituts in Partenkirchen, eine Veranstaltung des katholischen Kreisbildungswerks, auf dem Podium die künstlerische Leiterin des Richard-Strauss-Festivals, Brigitte Fassbaender, eine weltberühmte Sängerin und erfahrene Theaterdirektorin, das Festivalprogramm 2010 soll erläutert werden („Märchen und Mythen“) – und kaum geht es um den ohnehin nicht ganz unkomplizierten Inhalt der Strauss-Oper „Die Frau ohne Schatten“, in der Gazellen sich in Kaiserinnen verwandeln und Fische in Pfannen singen, da steigt draußen im Park das wöchentliche Kurkonzert. Schrummtata, schrummtata. Blaskapelle.

Die Kurmuschel steht sehr nah dran am Haus, die künstlerische Leiterin hat trotz ihrer Sängerinnenvergangenheit Mühe, sich durchzusetzen, den Moderator hört man gleich gar nicht mehr. „Ich dachte“, murmelt der Institutsleiter, „bei Regen spielen die nicht.“ Da kennt er das bayerische Brauchtum schlecht. Gespielt wird immer, jeden Mittwoch und natürlich in Tracht. Den Touristen aus Eckernförde und vom Niederrhein, den Holländern und Japanern muss schließlich etwas geboten werden. Gerade wenn es tagelang Schnürln regnet und die Wolken so tief hängen, als hätten sie das ganze zünftige Zugspitzpanorama verschluckt.

Heute beginnt mit einer Festrede des österreichischen Schriftstellers Michael Köhlmeier („Idylle mit ertrinkendem Hund“) in Garmisch-Partenkirchen das 22. Richard-Strauss-Festival. Einst von August Everding als verlängertes Liebhaber- Wochenende gegründet, hat es sich erfolgreich im sommerlichen Festspielkalender etabliert. Eine Woche lang Orchesterkonzerte, Liederabende, Kammermusik, Meisterkurse, Lesungen, Gespräche, ein Geigenwettbewerb und sogar eine konzertante Opernaufführung (eben jene „Frau ohne Schatten“): Die Künstler sind erstklassig, Sänger wie den Tenor Pavol Breslik oder die Mezzosopranistin Sophie Koch hört man sonst nur in Metropolen.

350000 Euro lässt sich die oberbayerische Marktgemeinde das Festival kosten – reines Produktionsbudget, wohlgemerkt. Saalmieten, Verwaltungsgebühren, die Gage für die künstlerische Leitung gehen extra. Seit fünf Jahren garantiert die Gemeinde als ihr eigener Veranstalter diesen Etat. „Andernorts werden Hallenbäder und Bibliotheken geschlossen“, betont Christian Wolf, der Leiter des Richard- Strauss-Instituts, „hier unterstützt man uns.“ Im RSI laufen alle Festivalfäden zusammen, und ohne Blaskapelle kann man in der Jugendstilvilla eines Mannheimer Zigarrenfabrikanten in Ruhe über Strauss forschen, streng wissenschaftlich und weniger streng wissenschaftlich.

Demnach wäre eigentlich alles in schönster Ordnung. Eine kleine Stadt feiert ihren großen Sohn (na ja, geboren wurde Strauss in München). Trotzdem fragt man sich, wieso Strauss für Garmisch-Partenkirchen nicht das darstellt, was Händel in Halle, Mozart in Salzburg, Benjamin Britten in Aldeburgh oder Richard Wagner in Bayreuth ist. Eine Marke. Ein Label. Das Label! Die Marke! Ist die Natur rund um Deutschlands höchsten Berg einfach zu stark und zu schön, der Werdenfelser an sich (jenseits von Oberammergau) ein Kulturmuffel – oder Strauss’ Musik aufs Ganze gesehen doch zu spröde, aufwendig und vielgestaltig?

Der Wagner habe seinen „Kini“ gehabt, antwortet Brigitte Fassbaender, somit sei Bayreuth ihnen im Marketing 130 Jahre voraus. Das holt man nicht mal eben so auf, erst recht nicht in Zeiten wie diesen. „Der Bayerische Staat müsste mehr für Strauss tun!“ Der Freistaat, der die Bayreuther Festspiele jährlich mit über zwei Millionen Euro bezuschusst (was einem Drittel des Gesamtetats entspricht). Dabei hat Strauss 15 Opern geschrieben und Wagner nur 13, und selbst wenn man vier Wochen Wagner auf eine Woche Strauss herunter rechnete, käme noch eine stattliche Summe dabei heraus.

Natürlich engagieren sich der Freistaat und der Bezirk Oberbayern für Strauss in Garmisch-Partenkirchen. Den Löwenanteil aber trägt die Kommune. Und wie fast allen deutschen Kommunen geht es auch Garmisch-Partenkirchen schlecht, daran sind nicht nur die Sparpakete der Bundesregierung in Berlin schuld. „GaPa“ – so die etwas verwirrende Abkürzung auf der offiziellen Homepage, im Gegensatz zum Autokennzeichen „GAP“ – wird 2011 Austragungsort der Alpinen Ski-WM sein und bewirbt sich außerdem zusammen mit München und Schönau am Königssee für die Olympischen Spiele 2018. Zum dritten Mal in seiner Geschichte übrigens: 1936 und, nach Absagen aus Sapporo und St. Moritz, auch 1940, was dann der Zweite Weltkrieg vereitelte. Wobei es heute leider nicht mehr genügt, wie Christl Cranz mit wehenden Rockschößen um ein paar Holzstecken im Schnee herumzuwirbeln.

Über 2018 spreizen sich die Meinungen vor Ort. Generell wird hier, wo der Blick sich nach drei Richtungen am Gebirge bricht, gerne in Gegensätzen gedacht, im Entweder-Oder: Volksmusik oder Kunstmusik, Brauchtum oder Hochkultur, Verstädterung oder Renaturierung, Sport oder Bildung, Partnach oder Loisach, CSU oder CSB (Christlich Soziales Bündnis), Olympia oder „NOlympia“, das Eichenlaub an der Tracht nach oben gewendet oder nach unten, die Stutzen an den Wadln weiß- grün oder graugrün, Garmisch oder Partenkirchen. Jede Medaille hat hier notorisch zwei Seiten, „zwei Herzen in einer Brust“, nennt das der dritte Bürgermeister Hannes Krätz, ein sportlicher Typ. Und tatsächlich gibt es in der 1935 auf Druck der NSDAP zwangsvereinigten Gemeinde bis heute vieles doppelt. Zwei freiwillige Feuerwehren, zwei Trachtenvereine, zwei Skiclubs, zwei Weidegenossenschaften, zwei Kurparks – im Nachwende-Berlin kann das nicht schlimmer gewesen sein. Selbst das Motto des neuen touristischen Masterplans – „Entdecke deine wahre Natur!“ – kommt noch irgendwie doppelzüngig daher.

Krätz lacht mit großen gesunden Zähnen: „Ich sag’ immer, wir haben inzwischen auch erfolgreiche Mischehen.“ Der Krankenkassen-Fachwirt, Marketingexperte und gebürtige Partenkirchner ist beim Interview kurzfristig für den ersten Bürgermeister Thomas Schmid eingesprungen, der seinerseits kurzfristig verhindert war. Schmid, ehedem CSU, ist heute beim CSB, Krätz bei den Freien Wählern. Schmid nennt das Richard-Strauss- Festival mit Vorliebe (s)ein „kulturelles Flaggschiff“, Krätz, etwas vorsichtiger, spricht von einer „Säule“ – und stellt mit dem in Garmisch geborenen Schriftsteller Michael Ende gleich noch eine zweite Säule daneben (ganz ohne Festival). Kultur ist eben Kultur.

Die einen also reden von Naturschutz und Klimawandel, von Blumenwiesen, die nie wieder Blumenwiesen sein werden, wenn man sie erst einmal für Loipen, Parkplätze oder olympische Dörfer platt gewalzt hat. Und warnen vor den verheerenden Folgen, die sämtliche Austragungsorte nach den Spielen getroffen hätten – von Cortina d’Ampezzo 1956 bis Vancouver 2010. Dem kanadischen Whistler soll jetzt sogar die Zwangsversteigerung drohen. Die anderen reden vom Investitionsstau vor Ort und von „Angebotsproblemen“ in der Hotellerie, von der so unpraktikablen wie unrentablen Eissporthalle und von Bausünden. So richtig schick war Garmisch als Winter- wie als Sommerfrische nie. Jetzt droht es touristisch zu verwahrlosen.

Unlängst war der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer wieder einmal da, um gutes Wetter zu machen für die Bewerbung. Ein „Olympia-Bürgerbüro“ im Rathaus (davon gibt’s nur eins) hat er eröffnet, und die Rosi Mittermaier und der Christian Neureuther haben ihm einen historischen Ski überreicht, der ein bisschen wie ein Zaunpfahl aussah. 70 Prozent der Bevölkerung vor Ort, sagt eine Umfrage, seien für die Olympischen Spiele. 18 triftige Gründe mindestens, sagt das Bürgerbegehren „NOlympia“, sprächen dagegen. Alles nur Medien-Gedöns, sagt Münchens Oberbürgermeister Christian Ude – der sich in Sachen Richard Strauss übrigens nicht mit Ruhm bekleckert hat. Bis 1999 war das Strauss-Institut in einer Drei-Zimmer-Wohnung in der Münchner Sonnenstraße untergebracht. Ude ließ es schließen und nach Garmisch abwandern, allen hochmögenden Protesten zum Trotz. Sparzwänge. Richard … wer?

Fakt ist: Zu den weltmeisterschaftlich aufgelaufenen Schulden von rund 75 Millionen Euro kommen allein für die Olympia-Bewerbung noch einmal 30 Millionen hinzu. 100 Millionen, die Garmisch-Partenkirchen definitiv nicht hat. Der Freistaat lockt zwar mit Defizitgarantien und Rückbauten und damit, den Ort aus Anlass der explizit „grünen“ Spiele zur Modellkommune für Elektromobilität auszurufen, auf den Kosten für ein neues Kongresszentrum aber und das geplante „Familiendorf“ mit 600 Betten bleibt man sitzen. Und die erforderliche neue kleine Sprungschanze müsste man auch zu einem Drittel selbst finanzieren. Private Investoren und Sponsoren sollen das richten.

Gegen solche Summen nehmen sich die Festivalgelder naturgemäß erbärmlich aus. Schlimmer noch: Im vergangenen Jahr fuhr man die Subvention drastisch zurück, von ehedem 560 000 Euro auf die besagten 350 000 Euro. Und das soll ein Bekenntnis sein? In Garmisch, sagt Matthias Claudi, einer von Fassbaenders beiden Vorgängern, interessiere man sich eben nur für Skirennen und Bauerntheater. Claudi schied im Groll, sein Vertrag war nicht verlängert worden, heute kümmert er sich um die Geschicke der Sächsischen Staatskapelle in der Strauss-Stadt Dresden.

Paradox, aber wahr: Kommen die Spiele, gewinnt auch das Festival. Dem neuen Kongresszentrum nämlich soll neben einem Vier-Sterne-Hotel ein Konzertsaal angegliedert sein, vielleicht sogar ein echtes Theater. Denn das ist der springende Punkt: Für Richard Strauss gibt es in Garmisch-Partenkirchen keine Aufführungsorte, gab es noch nie. Mit der „Frau ohne Schatten“ zieht man ins Eissportstadion, die Konzerte plagen sich mit den akustisch bedenklichen Sälen im alten Kongresshaus. Und wenn die Spiele nicht kommen? Dann wird angeblich trotzdem gebaut. Nur: wovon? Wie hartleibig sich aktuell die Suche nach Sponsoren gestaltet, davon kann Fassbaender ein Lied singen. Die Hypovereinsbank hilft und die Hotels vor Ort. Und Punkt. Selbst der Fassbaender- Fan Theo Waigel konnte nicht mehr bewirken. Audi ist in Bayreuth und Salzburg beschäftigt, die Brauerei Pschorr (Strauss’ Mutter entstammte der Bier-Dynastie) hat auf entsprechende Briefe nicht einmal geantwortet. Ist Strauss in Bayern so vergessen, ist Garmisch so provinziell?

Richard Strauss wurde zwar 1864 in München geboren, wie gesagt, und hat in Weimar, Berlin und Wien, als Mitbegründer der Salzburger Festspiele und der GEMA, als enorm begehrter Komponist und Uraufführungsdirigent die Welt gesehen und Musikgeschichte geschrieben – sein locus amoenus aber blieb Garmisch. 1908 baute er sich hier nach Plänen des Architekten Emanuel von Seidl sein „Landhaus“, eine behagliche Villa mit moderner Zentralheizung, Zwiebelturm und blauen Fensterläden, voll gestopft mit Kunst und alpenländischen Preziosen. „Der brauchte dieses bürgerliche Leben, die Geborgenheit, seine Pauline und den Blick in den Garten“, sagt Brigitte Fassbaender. „Dass der Strauss hier so glücklich war, auch weil die Landschaft ihn so inspirierte und er hier so gut arbeiten konnte, das strahlt mächtig aus.“ Der genius loci als Pfund. Nur wuchern müsste man stärker damit.

Heute ist die Villa Wohnhaus der Familie, Archiv und Gedenkstätte in einem, nach Voranmeldung kann man sie besichtigen. 1949 ist Richard Strauss, hoch betagt, in seinem Messingbett im ersten Stock gestorben. Die beiden Wandteppiche, den damastenen Bettüberwurf in Altrosa dran, das hat man alles so gelassen. Bis zum Tod des einzigen Sohnes Franz („Bubi“) 1980 wurden die Urnen mit der Asche des Komponisten und seiner Frau in einer Truhe im Sterbezimmer aufbewahrt. „Der Großpapa wollt’ ja immer im Garten beerdigt werden“, erzählt Christian Strauss, 78, pensionierter Chefarzt und letzter Enkel, „aber das war unmöglich. Auf der einen Seite geht jeden Tag der Viehtrieb vorbei, auf der anderen haben die Kinder gespielt. Wie hätt’ das denn ausg’schaut, da kommen die Leut’ und wollen das Grab vom Strauss sehen und dann fliegen ihnen die Frisbeescheiben um die Ohren.“

Lieb sei er gewesen, der Großpapa, und ein Bildungsbürger durch und durch. Ein Mensch, der die „Ilias“ und die „Odyssee“ nicht im griechischen Original lesen könne, sei kein Mensch – solche Sätze hat er gesagt und den Kindern beim Spazierengehen alle Mozart-Opern erzählt. Von seinem Genie ist in der Nachkommenschaft (fünf Urenkel, elf Ururenkel) nicht viel übrig. Anders als in Bayreuth? Die Wagners seien von Anfang an viel mehr „getrimmt“ worden, sagt Christian Strauss etwas spitz. In welcher Höhe sich seine Familie für das Garmischer Festival engagiert, das will er nicht verraten. Aus Bescheidenheit oder Geiz? 2019 erlischt für Strauss’ Opern das so genannte große Recht. Dann fließen keine Tantiemen mehr. Momentan dürften das weltweit pro gespielter Vorstellung mehrere tausend Euro sein. Und Strauss wird viel gespielt.

Hört man auf die Stimme des Volkes, dann könnte alles ganz einfach sein. Die Reporterin sitzt im Trachtengeschäft Grasegger, die Janker und Dirndl leuchten, als gäbe es draußen keine Geldnot und keine Ignoranz und nie einen Schnürlregen. Viele Menschen, sagt der schlaksige Seniorchef, besinnen sich wieder, „auf Werte und auf ihre Identität, auf das Gesicht ihres Ortes oder die Herkunft eines Materials“. Das sei auch das Geheimnis seines Erfolgs. Wenn Garmisch-Partenkirchen beispielsweise mit einer Hochschule für Nachhaltigkeit von den Olympischen Spielen profitierte, wäre er gleich dabei. „Mit Hirn“ müsse man die Zukunft angehen, mit einer Liebe zur Heimat und die alten Rivalitäten endlich vergessen. Natur und Kultur, ganz wie es der alte Strauss in seiner Villa vorgelebt hat. Wie lautet das Motto für die 75-Jahr-Feier der Marktgemeinde im September gleich wieder? „Zsammgwaxn“! Und für die klassische Musik und das Festival ist dann die Frau Grasegger zuständig.

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