Politik : Diskriminierung: Im Farbenkreuz

Malte Lehming

Der Begriff lässt sich nur schwer übersetzen. Die Sache jedoch ist einfach erklärt. Schwarze werden in den USA, im Verhältnis zu ihrem Bevölkerungsanteil, weitaus öfter von der Polizei kontrolliert als Weiße. Anderen Minderheiten geht es ähnlich, besonders im Straßenverkehr. Diese Praxis nennt sich "racial profiling". Es ist eine subtile Form der Diskriminierung. Im Prinzip ist sie verboten. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Vor einigen Monaten kam es in der Stadt Cincinnati zu tagelangen Rassenunruhen. Vorausgegangen war die Erschießung eines unbewaffneten schwarzen Jugendlichen durch einen weißen Polizisten.

Wegen seiner Hautfarbe verdächtigt zu werden, ist demütigend. Unbestritten allerdings ist der Anteil etwa von Schwarzen an einigen Straftaten extrem hoch. Selbst der Pastor und schwarze Bürgerrechtler Jesse Jackson gab 1993 zu: "Nichts ist schmerzhafter für mich, als in gewissen Gegenden die Straße entlangzulaufen, hinter mir Schritte zu hören, an einen Überfall zu denken - und dann erleichtert zu sein, wenn ich sehe, dass es ein Weißer ist."

Um zumindest die Ordnungshüter zur Fairness zu verpflichten, hat ein Abgeordneter der Demokraten vor einiger Zeit einen entsprechenden Gesetzentwurf in den Kongress eingebracht. Demzufolge sollen Polizisten künftig verpflichtet werden, bei Straßenkontrollen exakt Buch darüber zu führen, welche Person sie aus welchem Grund angehalten haben. Ein Verdacht auf "racial profiling" läge nur dann nicht vor, wenn nicht mehr als 13 von 100 kontrollierten Autofahrern Schwarze und nicht mehr als 50 männlich wären.

Seit den Terroranschlägen trifft es arabisch oder islamisch aussehende Menschen. Sie werden in Amerika seit dem 11. September beinahe täglich verhört, verhaftet, kontrolliert und an Flügen gehindert. Wie ein Krimineller sei er behandelt worden, beschwert sich der 32-jährige Ashraf Khan aus Texas, der von Sicherheitsbeamten aus einem startbereiten Flugzeug geholt wurde, weil die Crew und einige Passagiere seine bloße Anwesenheit nicht ertragen hatten.

Doch viele Menschen fragen sich: Welche Alternative gibt es zur Diskriminierung, wenn unsere Sicherheit drastisch erhöht werden soll? Die mutmaßlichen Attentäter waren nun einmal moslemische Araber, und mögliche weitere Attentäter werden wahrscheinlich wieder moslemische Araber sein. Knapp 60 Prozent aller Amerikaner befürworten, dass Araber derzeit besonders intensiv kontrolliert werden, selbst wenn sie US-Staatsbürger sind. Ohne "racial profiling" leide die Effizienz.

Auch Mitglieder von Minderheiten teilen diese Meinung. Für viele von ihnen ist das eine höchst unangenehme Erfahrung. Ron Arnold arbeitet als Sicherheitsbeamter auf dem Flughafen von Seattle. "Ich bin ein schwarzer Amerikaner", sagt der 43-Jährige, "ich wurde mein ganzes Leben lang diskriminiert." Jetzt tut er es selbst. "Ja, ich weiß, und es macht mich krank, dass Araber für mich von vornherein verdächtig sind. So ist nun mal die Wirklichkeit." Weil sie aus Angst bereit sind, bestimmte Formen der Diskriminierung plötzlich zu dulden, plagt viele liberale Amerikaner ein schlechtes Gewissen. Das kompensieren sie durch Besuche in arabischen Restaurants oder andere Gesten, durch die sie zeigen wollen, dass sie an sich vorurteilsfrei sind. Wenn Sasha Nyary, eine Mutter aus Brooklyn, ihr Kind in die Schule bringt, wählt sie neuerdings eine Strecke, die durch Gegenden führt, in denen viele Araber wohnen. "Ich grüße sie freundlich und kaufe bei ihnen ein", sagt sie. Als Nachbar im Flugzeug möchte sie keinen davon wissen.

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