Diskussion : Altersarmut – ein Problem der Zukunft

Noch gibt es Altersarmut nicht als Massenphänomen. Doch langfristig könnte sie durchaus ein Problem werden. Derzeit drohen 4,5 Millionen Menschen im Alter in die Armut abzurutschen.

Uwe Schlicht

BerlinGibt es Altersarmut als Massenphänomen in Deutschland? Diese Frage verneinten die Rentenexperten und Sozialpolitiker, die beim Treffpunkt Tagesspiegel im Hotel Intercontinental auf dem Podium saßen. Aber mit dieser ersten Einschätzung war das Problem nicht vom Tisch. Wer übers Rentensystem spricht, muss lange Perspektiven im Blick haben. Und mittel- wie langfristig könnte Altersarmut den Experten zufolge durchaus zum Problem werden.

Nach den Worten von Bert Rürup, Chef des Wirtschafts-Sachverständigenrates, sind derzeit 371 000 Bürger im Alter armutsgefährdet. Das entspreche 2,3 Prozent aller über 65-Jährigen. Bert Rürup nannte das eine geringe Quote im internationalen Vergleich. Altersarme waren entweder nicht in der Lage, regelmäßig Rentenbeiträge zu zahlen oder ihr Lohn war besonders niedrig. Allerdings zeige allein die Hilfe vieler Rentner für ihre Kinder und Enkel, dass sie mit anderen Einkommensquellen über genügend Geld verfügten, meinte Tagesspiegel-Redakteurin Antje Sirleschtov. Es gebe keinen Anlass zur Panik, dass die Rentenfrage zur Generationenspaltung führen könne.

4,5 Millionen Menschen gehören derzeit zur gefährdeten Gruppe

Aber die Problemgruppen sind schon heute zu definieren: Langzeitarbeitslose, Menschen mit gebrochenen Erwerbsbiografien, die von einem gering bezahlten Job zum nächsten wechseln und dazwischen arbeitslos werden, Bezieher von Hartz IV sowie kleine Selbstständige, die nicht unter die Beitragspflicht fallen. Das sind zurzeit 4,5 Millionen Menschen. Die meisten legen nichts fürs Alter zurück - obwohl sie schon mit monatlich fünf Euro den Einstieg in eine Riester-Rente schaffen würden, wie deren Namensgeber, Ex-Arbeitsminister Walter Riester (SPD), betonte.

Für die von Altersarmut Bedrohten gibt es eine aus Steuern aufgebrachte Grundsicherung von 660 Euro im Monat. Langfristig plädiert Rürup aber darüberhinaus für eine vom Staat finanzierte Grundrente, knapp über der Grundsicherung. Sie sollte denen zugutekommen, die 35 Jahre lang volle Beitragssätze in die Rentenkassen gezahlt haben und dennoch im Alter nicht genug zum Leben haben.

Den Zuhörern brannte die Frage nach dem Inflationsausgleich auf den Nägeln. Über Lohnsteigerungen finde der auch in den Renten Berücksichtigung, antwortete Rürup. Allerdings erwähnte er nicht, dass die Rentenerhöhungen durch den sogenannten demografischen Faktor die Preissteigerungen immer weniger berücksichtigen. Außerdem würden von 2020 an nicht mehr 60 Prozent eines fiktiven Lebensgehaltes für die Bemessung der Rentenhöhe zugrunde gelegt, sagte Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Unter diesen Bedingungen könnte die heutige Durchschnittsrente von 969 Euro so weit sinken, dass sie nur noch knapp über der Grundsicherung von 660 Euro liege.

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