Diskussion im Berliner Ensemble : Sponti gegen Sponti

Bei einem Europa-Podiumsgespräch muss sich Daniel Cohn-Bendit altbekannte Zitate aus dem Buch "Der große Basar" vorhalten lassen. Er sei bereit, die Debatte um seine umstrittenen Äußerungen über Intimitäten mit Kindern zu führen, sagt der Grünen-Politiker.

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Der Co-Vorsitzende der Grünen im Europaparlament, Daniel Cohn-Bendit.
Der Co-Vorsitzende der Grünen im Europaparlament, Daniel Cohn-Bendit.

Möglicherweise hat Daniel Cohn-Bendit schon geahnt, dass ihn „Der große Basar“ auch in Berlin einholen würde. Die Debatte um das altbekannte Buch von 1975, in dem Cohn-Bendit seine Erfahrungen als Erzieher in einem Frankfurter Kinderladen beschrieb, ist schließlich gerade erst wieder zur Verleihung des Theodor-Heuss-Preises an den Grünen-Politiker und langjährigen Europaabgeordneten hochgekocht. Vorsorglich stellt sich der 68-Jährige also an diesem Sonntagvormittag im Foyer des Berliner Ensemble dem Publikum auch als ein Kind der anti-autoritären Bewegung in Deutschland vor, „mit allen Irrungen und Wirrungen“.

Es geht um Europa bei dieser Diskussion des politischen Magazins „Cicero“, um das rumpelnde deutsch-französische Duo und Cohn-Bendits Vision von einer europäischen Föderation. Aber seit der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, seine Festrede zur Verleihung des Theodor-Heuss-Preises in Stuttgart im März wegen Cohn-Bendits umstrittener Veröffentlichung über Intimitäten mit Kindern absagte, wollen einige Cohn-Bendit erneut an den Pranger stellen. Als er im Berliner Ensemble gerade bei der Anti-Euro-Partei Alternative für Deutschland und deren Wahlchancen angekommen ist, springt ein Mann mit schwarzem Basecap gewissermaßen in bester Sponti-Manier aufs Podium vor den drei raumhohen Spiegeln und deutet anklagend auf den Revolutionär von 1968. „,Mein ständiger Flirt mit allen Kindern nahm bald erotische Züge an’“, zitiert der Mann dazu aus „Der große Basar“. Das Publikum im Berliner Ensemble buht – nicht gegen Cohn-Bendit, sondern gegen den Störer.
Im vergangenen Jahr hat der Grünen-Politiker seine provokanten Reflexionen aus den siebziger Jahren als „unsinnigen Text“ bezeichnet und auch jüngst bei der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises betont, sich nie an Kindern vergriffen zu haben. In Berlin stellt er nun etwas resigniert die Frage: „Scheitert Cohn-Bendit an einem Text, den er vor 40 Jahren geschrieben hat?“ Es ist die ironische Wendung des eigentlichen Themas dieser Diskussions- Matinee („Scheitert Europa an Deutschland?“). Aber der wortmächtige Polit-Grenzgänger zwischen Deutschland und Frankreich hat gar nicht vor, sich so einfach aus der Affäre zu ziehen. Die Diskussion um seine umstrittenen Äußerungen sei „legitim“, schließlich hätten er und seine politischen Weggefährten vor drei Jahrzehnten auch „viele Fragen gestellt“. Er sei bereit, die komplexe Debatte über den Umgang mit der Sexualität in den siebziger Jahren mit seinen Kritikern zu führen, kündigt Cohn-Bendit an, wenn auch nicht an diesem Sonntagvormittag.

Diejenigen, die sich weniger für Cohn-Bendits Kinderladen-Zeit und mehr für die Zukunft Europas interessieren, kommen in der Diskussion anschließend auf ihre Kosten. Zu den Qualitäten des Abgeordneten, der im kommenden Jahr aus dem EU-Parlament ausscheidet, gehört es, dass er sich vor parteitaktisch motivierten Schuldzuweisungen hütet. Die Schwäche der französischen Automobilindustrie nimmt er ebenso aufs Korn wie die Gefahren, die im Sparkurs von Kanzlerin Angela Merkel lauern. Selbst wenn die deutsche Regierungschefin mit ihrer Forderung nach einer europaweiten Haushaltskonsolidierung recht haben sollte, so müsse dieser Kurs auch politisch in den übrigen Euro-Staaten nachvollzogen werden, gibt Cohn-Bendit zu bedenken. Dass sich Frankreichs Sozialisten zunehmend gegen Merkels Sparkurs sperren, hat in der vergangenen Woche ja ein Positionspapier der Regierungspartei von Präsident Francois Hollande verdeutlicht, in dem gegen die deutsche „Sparkanzlerin“ polemisiert wurde. Cohn-Bendit sieht jedenfalls die Gefahr, dass sich die Krise noch weiter zuspitzt: „Wenn der Euro scheitert, dann gibt’s kein Europa mehr.“

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