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Diskussion um schärfere Waffengesetze in den USA : Wo der Schuss nach hinten losgeht

06.01.2013 22:08 Uhrvon
Polizisten in New Haven untersuchen ein Sturmgewehr.Bild vergrößern
Polizisten in New Haven untersuchen ein Sturmgewehr. - Foto: Reuters

Die USA diskutieren schärfere Waffengesetze, denn es werden immer mehr Waffen gekauft, trotz des Amoklaufes in Newtown und einer Schießerei am Wochenende in Aurora. Vizepräsident Biden will nun neue Waffengesetze ausarbeiten - und hofft dabei auf eine Allianz mit WalMart.

Für die Kinder in Newtown hat die Schule wieder begonnen, auch für die Grundschüler der Sandy-Hook-Elementary-School, in der ein psychisch gestörter junger Mann am 14. Dezember 20 Erstklässler erschossen hatte. Am Ort des Massakers wird nicht mehr unterrichtet. Die Kinder gehen jetzt in eine Schule in der Nachbargemeinde Monroe. Dort stand das Gebäude einer Mittelschule leer. In der Weihnachtspause haben örtliche Handwerker es in Freiwilligenarbeit hergerichtet. Unter anderem mussten die Toiletten an die kleinere Körpergröße der Grundschüler angepasst werden.

Vergessen kann Newtown nicht.

Vielerorts ragen kleine persönliche Gedenkstätten aus dem Schnee: Fotos der ermordeten Kinder, Herzen mit 20 Kreuzen darauf, mahnende Tafeln mit Fähnchen. Am Freitag kam Gabby Giffords zu Besuch. Im Januar 2011 war die Abgeordnete bei einer Wählerversammlung in Tucson, Arizona, niedergeschossen worden und hat sich bis heute nicht voll von ihren schweren Kopfverletzungen erholt.

Auch die USA haben Newtown nicht vergessen. Die Gesellschaft reagiert mit vielfältigen Gesten der Hilfsbereitschaft und Nachdenklichkeit. Die breite Palette der Aktivitäten zeigt jedoch, dass Amerika von einem Konsens, wie man solche Tragödien verhindern kann, weit entfernt ist. Das Weiße Haus bereitet unter der Führung von Vizepräsident Joe Biden ein Bündel von Gesetzesverschärfungen vor, hat bisher aber keine Aussicht auf die nötigen Mehrheiten im Kongress, um die Änderungen zu verabschieden.

In manchen Regionen der USA erlegen sich Waffenfans freiwillige Einschränkungen auf, in anderen trumpfen sie auf. Im Radius von etwa einer Autostunde um Newtown sind vier geplante „Gun Shows“ in den drei Wochen seit dem Schulmassaker abgesagt worden. Die Organisatoren einer legendären Waffenausstellung in Saratoga Springs im Norden des Staats New Yorks haben die Aussteller verpflichtet, in diesem Jahr nur Pistolen, aber keine Schnellfeuergewehre anzubieten.

Landesweit ist die Zahl der Waffenkäufe seit der Schulschießerei deutlich gestiegen. Das FBI meldete 2,8 Millionen Anfragen zum vorgeschriebenen „Background Check“ von Waffenverkäufern im Dezember gegenüber zwei Millionen im November, eine Steigerung um 40 Prozent. So ist das jedes Mal, wenn ein Massaker die Nation bewegt, erklären Experten. Ein Großteil der Gesellschaft meine dann, man müsse sich bewaffnen, um sich wehren zu können. Dasselbe geschehe, wenn die Politik eine Verschärfung der Waffengesetze diskutiere. Jede Debatte wirkt sich zunächst als Konjunkturprogramm für Waffenläden aus. Die Käufer fürchten, es werde demnächst schwerer, eine Waffe zu kaufen.

Am Wochenende hat eine neue Schießerei mit vier Toten die Aufmerksamkeit auf Aurora, Colorado, gelenkt. Dort waren Ende Juli zwölf Kinobesucher bei der Premiere des Films „The Dark Knight Rises“ erschossen worden. In der Folgewoche stiegen die Waffenkäufe dort um 40 Prozent.

Es gibt auch andere Reaktionen auf das Schulmassaker. In Los Angeles, Kalifornien, bot die Stadt für jede abgegebene Waffe einen Einkaufsgutschein von hundert Dollar an. So wurden mehr als 1600 Waffen eingezogen. Die Stadt Newtown wurde mit Gesten der Solidarität überflutet. So viele Sendungen mit Kuscheltieren und Spielzeug trafen ein, dass die Stadtverwaltung dazu aufrief, diese Form der Hilfsbereitschaft zu stoppen. Geschäftsinhaber berichteten, wildfremde Menschen hätten angerufen, ihre Kreditkartennummer sowie eine Geldsumme mitgeteilt, bis zu der diese Geschäftsleute ihre Waren oder Dienstleistungen kostenlos an Bedürftige geben sollten. Auf dem Spendenkonto für die Opfer sind mehr als fünf Millionen Dollar zusammengekommen. Mehrere Bürger haben Initiativen zur Verschärfung des Waffenrechts gestartet.

Diese gespaltene Atmosphäre muss Vizepräsident Biden berücksichtigen, wenn er nun neue Waffengesetze vorbereitet. Seine Arbeitsgruppe möchte nach Recherchen der „Washington Post“ lückenlose „Background Checks“ für alle Waffenkäufe durchsetzen und eine nationale Datenbank über Waffen und deren Besitzer einrichten. Dabei trifft sie auf hohe politische und juristische Hürden.

Die USA haben kein Einwohnermeldesystem. Diese Tradition gilt als eine Bastion der Bürgerfreiheit gegenüber dem Staat. Die Waffenlobby National Rifle Association (NRA) hat vor Jahren schon vor Gericht durchgesetzt, dass der Staat nach der gleichen Logik auch kein nationales Waffenmeldesystem einrichten dürfe. Die „Background Checks“ sind bisher nur vorgeschrieben, wenn ein Bürger eine Waffe in einem Geschäft kauft, nicht aber für mobile „Gun Shows“. Biden möchte nun große Ladenketten wie WalMart für die lückenlosen Überprüfungen und die Einrichtung des Waffenregisters gewinnen. Sie können darauf hoffen, dass ein größerer Anteil des Waffengeschäfts zu ihnen wandert, wenn die mobilen „Gun Shows“ ihren Vorteil verlieren, Waffenkunden nicht überprüfen zu müssen. Ist die Marktmacht von WalMart & Co. am Ende stärker als die NRA?

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