Politik : Distanz statt Tuchfühlung

Nordkorea will eine Atomanlage wieder in Betrieb nehmen – und brüskiert damit erneut China.

Blockade. Ein südkoreanischer Soldat errichtet an einem militärischen Kontrollpunkt in Paju nahe der demilitarisierten Zone eine Barrikade. Der Checkpoint liegt an der Straße ins nordkoreanische Kaesong. Der dort angesiedelte Gewerbepark gilt als die letzte Bastion wirtschaftlicher Zusammenarbeit zwischen Nord- und Südkorea. Foto: Jung Yeon-Je /AFP Foto: AFP
Blockade. Ein südkoreanischer Soldat errichtet an einem militärischen Kontrollpunkt in Paju nahe der demilitarisierten Zone eine...Foto: AFP

Seoul - Dass Nordkorea seine umstrittene Atomanlage in Yongbyon wieder hochfahren will, ist für China ein Schlag ins Gesicht. Eigentlich hatte die Regierung in Peking angekündigt, die Gespräche über eine atomare Abrüstung auf der koreanischen Halbinsel wieder in Gang bringen zu wollen. Die Entscheidung sei bedauerlich, erklärte der Sprecher des chinesischen Außenministeriums. Pjöngjang hatte am Dienstag mitgeteilt, den 2007 stillgelegten Atomreaktor nahe der Hauptstadt wieder in Betrieb zu nehmen. Sämtliche Anlagen in Yongbyon einschließlich des Reaktors und einer Anlage zur Urananreicherung sollten „angepasst und neu gestartet“ werden, zitierten die Staatsmedien die Generalabteilung für Atomenergie. Im Rahmen einer Vereinbarung zwischen Nordkorea, den USA, China, Südkorea, Japan und Russland waren wesentliche Teile des Komplexes in Yongbyon unbrauchbar gemacht worden. Nordkorea hatte jedoch 2009 erklärt, abgebrannte Atombrennstäbe dort erfolgreich wiederaufbereitet zu haben.

Der neue Vorfall verdeutlicht einmal mehr, was sich seit Monaten abzeichnet: Der früher so enge Verbündete Nordkorea zerrt immer mehr an Chinas Nerven. Dabei hatten die Staatsmedien im Reich der Mitte noch vor sechs Monaten den Norden als wunderbaren Ort für Investitionen gelobt. Beide Staaten bemühten sich, eine grenzübergreifende Wirtschaftszone zu fördern. Ein Atomtest, ein Raketenstart und jede Menge Säbelrasseln später unterstützte die Regierung in Peking im UN-Sicherheitsrat neue Sanktionen. In chinesischen Medien wird Nordkorea als undankbar gescholten und die chinesischen Geschäftsleute, die eigentlich den Handel fördern sollen, wollen nicht über das Nachbarland reden.

Die Änderung in der chinesischen Politik gegenüber Nordkorea sei „bemerkenswert und offensichtlich“, sagt Zhu Feng von der Peking-Universität: „Peking ist aufgewacht und hat die Realität erkannt.“ Früher, so lautete eine Redensart, waren sich beide Staaten so nah wie „Zähne und Lippen“, Waffenbrüder im Koreakrieg 1950 bis 1953. Aber die Distanz nimmt zu. Der heutigen chinesischen Führung – darunter der neue Präsident Xi Jinping – fehlt die emotionale Verbundenheit, die bei früheren Treffen mit den Spitzen aus Nordkorea in herzlichen Umarmungen Ausdruck fand. Der frühere chinesische Generalmajor Luo Yuan erklärte Mitte März, dass man früher Seite an Seite gekämpft habe, sei unwichtig. „Wer unseren nationalen Interessen schadet, den nehmen wir uns vor.“ Die Zeitung „Global Times“, die vom Zentralorgan der Kommunistischen Partei „People’s Daily“ herausgegeben wird, hat dazu aufgerufen, die Verbindungen zu Nordkorea ganz zu kappen.

Allerdings glaubt niemand, dass China mit Nordkorea komplett bricht. Das Land ist als Pufferzone zu den US-Soldaten in Südkorea und Japan wichtig. Die USA hatten ihre militärische Präsenz in der Region in den vergangenen Wochen verstärkt und Kriegsschiffe sowie Tarnkappenbomber nach Ostasien verlegt. Am Dienstag teilte das Pentagon mit, dass zwei mit Raketen bestückte Zerstörer auf dem Weg in den West-Pazifik seien. Zudem solle ein schwimmendes Überwachungsradar näher an die Küste Nordkoreas gebracht werden, meldete der Nachrichtensender CNN.

China möchte auch eine Entwicklung wie mit Birma vermeiden, ein ehemaliger enger Verbündeter, der mehr und mehr die Nähe zu den USA sucht. Sollte China zu viel Druck ausüben, droht aus Sicht der Regierung in Peking der schlimmste aller Fälle: Nordkorea könnte in sich zusammenstürzen. Das würde dann auch wieder die Frage aufwerfen, was mit dem radioaktiven Material aus dem nordkoreanischen Atomprogramm passieren würde. rtr/dpa

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