DIW-Experte Ferdinand Fichtner : „Mittelfristig besteht für Griechenland Hoffnung“

Demonstrationen, Gewalttaten, Streiks - die Leidensfähigkeit der Griechen scheint angesichts der Sparmaßnahmen erschöpft zu sein. Wir sprachen mit Ferdinand Fichtner, Leiter der Abteilung Konjunkturpolitik und zuständig für Weltwirtschaft am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin.

von

Die Sparvorgaben der EU für Griechenland sind immens. Wird es kaputt gespart?

Kurzfristig beeinträchtigen die Sparmaßnahmen die realwirtschaftliche Entwicklung sicherlich negativ. Das ist offensichtlich und ökonomisch plausibel – gerade in einem Land, in dem der Staatssektor solch eine große Bedeutung hat. Deshalb werden die Sparmaßnahmen in den nächsten ein, zwei Jahren zu schwachem Wachstum oder sogar negativen Wachstumsraten beitragen. Mittelfristig besteht aber durchaus die berechtigte Hoffnung, dass sich das Vorzeichen umkehrt. Dass die Rückführung des Staatssektors dazu führt, dass Kapazitäten verschoben werden aus einem ineffizienten Sektor in effizientere Verwendung.

Aber bedarf es nicht grundsätzlicherer Reformen, um Wachstum zu generieren?
Ja, aber vieles ist in diesem Kontext zu sehen. Der Staatssektor trägt nicht nur wenig bei zum Wachstum, sondern er trägt negativ bei: durch hohen Bürokratieaufwand bei Unternehmensgründungen oder Investitionen. Natürlich ist es nicht damit getan, einfach die Ausgaben herunterzufahren. Es bedarf vielmehr Strukturreformen, die diesen Bürokratieaufwand strukturell beseitigen. Das funktioniert nicht, indem man ihn einfach „wegspart“.

Die Sparmaßnahmen betreffen ja auch die unteren und mittleren Bevölkerungsschichten. Würgt das nicht die Nachfrage ab?
Zum Beispiel die Mindestlöhne abzusenken, das ist ja schon eine der geforderten Strukturmaßnahmen. Auch in Deutschland hatte die Agenda 2010 zunächst negative Auswirkungen, unter denen wir bis heute leiden durch extrem schwache Binnennachfrage und extrem schwaches Konsumwachstum und auch eine hohe Arbeitslosigkeit. Aber die Maßnahmen waren trotzdem notwendig und tragen dazu bei, dass die deutsche Wirtschaft heute relativ gut dasteht.

Werden die Sparbemühungen Griechenlands zu wenig gewürdigt?
In der Öffentlichkeit ist ein etwas verzerrter Eindruck darüber entstanden, was Griechenland schon alles erreicht hat, zumindest was die Senkung der Staatsausgaben angeht. Das liegt auch an dem unglückseligen Zusammenhang von Sparmaßnahmen und schwacher Konjunkturentwicklung. Das Ersparte wird aufgefressen durch sinkende Steuereinnahmen. Bei den Strukturreformen allerdings sind die Fortschritte, soweit man das von hier aus beurteilen kann, bislang ungenügend.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

1 Kommentar

Neuester Kommentar