Politik : DJ gegen Frau von Welt

Österreich wählt am Sonntag ein neues Staatsoberhaupt. Beim Wahlkampf kam es vor allem auf das Image an

Markus Huber[Wien]

Dass Wahlkampfmanager aus Kandidaten oft Kunstfiguren schaffen, ist seit den Tagen von Bill Clinton und Tony Blair kein Geheimnis mehr. Doch was die PR-Strategen in Österreich mit ihren Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten geschafft haben – das grenzt fast an ein Wunder. Die Kandidatin der Volkspartei zum Beispiel, die Außenministerin Benita Ferrero-Waldner: In gerade einmal sechs Wochen wurde aus der biederen Bürgerlichen, von der man annahm, sie hätte schon bei ihrer Geburt Perlenstecker und Halstuch getragen, eine flippige Powerfrau geschnitzt, der man ohne weiteres den ersten Preis beim Jungunternehmerinnen-Award zutrauen würde. Dass sie erst kürzlich sogar von den Lesern des deutschen Jungherren-Magazins FHM auf Platz 79 unter den „100 sexiest women alive“ gewählt wurde, passt da gut ins Bild – und das, obwohl Ferrero-Waldner schon 54 Jahre alt ist.

Bei so viel Imagepolitur konnte und wollte der Kandidat der Sozialdemokraten, Parlamentspräsident Heinz Fischer, offenbar nicht nachstehen. Aus dem 64-jährigen Partei-Intellektuellen, der jahrzehntelang die Sprödheit zum politischen Programm erhob und sich in seiner Freizeit, wenn er nicht gerade die Geschichte der Arbeiterbewegung studierte, mit kniffligen Verfassungsfragen beschäftigte, wurde über Nacht DJ Heifi, der in Studentenkellern T-Shirt-tragend verschrobene Jazz-Platten auflegte oder ganze Nachtschichten mit einfachen Stahlarbeitern vor dem Hochofen verbrachte.

Einer dieser beiden Verwandlungskünstler wird an diesem Sonntag zum österreichischen Bundespräsidenten gewählt werden – und der ranghöchste Politiker im Land sein. Und der österreichische Präsident hat laut Verfassung eine ungeheure Machtfülle: Er ernennt nicht nur den Kanzler und seine Minister, er kann sie alle auch nach seinem Gutdünken entlassen und sogar das Parlament auflösen. Davon hat zwar noch kein Präsident der Nachkriegszeit Gebrauch gemacht, und zu Zeiten der großen Koalition von SPÖ und ÖVP war die Hofburg, der Amtssitz des Präsidenten, auch nur wenig mehr als eine höchst repräsentative Büroadresse für einen Frühstücksdirektor.

Doch jetzt, wo es im Land eine klare Trennung zwischen bürgerlicher Regierung und linker Opposition gibt, hat das Präsidentenamt für beide Parteien wieder Bedeutung erlangt. Die SPÖ und ihr Kandidat haben in den letzten Wahlkampftagen jedenfalls wiederholt die Frage gestellt, ob die Österreicher wirklich wollen, dass es neben einem bürgerlichen Kanzler auch eine bürgerliche Präsidentin gibt. Die ÖVP wiederum warnte davor, einen Roten in die Hofburg zu wählen – denn was, wenn die Sozialdemokraten die nächsten Parlamentswahlen gewännen und dann den Kanzler stellen würden?

Ferrero-Waldner präsentierte sich als dynamische Modernisiererin, die aus dem Präsidentenamt primär ein „Kompetenzzentrum“ für die Wirtschaft machen möchte. Auf vielen Auslandsreisen will sie Geschäfte für österreichische Unternehmer aufgabeln. Fischer gab sich zumindest in dieser Hinsicht traditioneller: Er werde sicher kein Handlungsreisender oder Außenhandelsdelegierter sein, sondern sich primär um Innenpolitisches kümmern.

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