Politik : Djerba: Augen zu und durch

Ralph Schulze

Es wird immer wahrscheinlicher, dass auf die Ghriba-Synagoge auf der Insel Djerba ein Terror-Anschlag verübt worden ist. Aussagen von deutschen Urlaubern, die bei der Explosion am Donnerstag mit dem Leben davonkamen, stützen die Terror-Vermutung. Auch die Geheimdienste Deutschlands, der USA und Israels gehen von einem antisemitischen Terroranschlag aus, der mit der Eskalation im Nahen Osten zu tun hat. Die tunesischen Behörden jedoch beharren weiter auf ihrer Version eines "Unfalles", ohne dafür, 48 Stunden nach der Detonation, Belege liefern zu können. Die Zahl der Todesopfer stieg am Samstag auf 13, unter ihnen sind acht deutsche Touristen. Ein Sanitätsairbus der Bundeswehr sollte am Samstagnachmittag zehn Verletzte nach Deutschland zurückbringen.

Inzwischen versucht man auf tunesischer Seite, die Spuren des Vorfalles verschwinden zu lassen: Anstreicher begannen, Blut- und Brandspuren an der Synagogenmauer mit weißer Farbe zu übertünchen. Die Betenden dürfen schon wieder auf das Synagogengelände. Ausländische Journalisten hingegen hält die Polizei systematisch vom Explosionsort fern. Auch die deutschen Diplomaten und die beiden Sonderermittler des Bundeskriminalamtes, die vor Ort die Ursache erforschen sollen, sind dem Vernehmen nach verärgert über den tunesischen Versuch, die Aufklärungsarbeiten zu behindern.

Einige der deutschen Urlauber, die dem Inferno vor der Synagoge entkommen waren, zeigten sich überzeugt davon, dass es sich um einen Terroranschlag handelte. Auch die aus tunesischen Quellen gespeisten Versionen, dass ein Gas-Lastwagen in die Explosion verwickelt war, wird von ihnen hinterfragt: "Ich kann mir keine andere Möglichkeit vorstellen als eine Bombe", sagte ein Tourist. In der Synagoge wie vor dem Tempel hätten verbrannte Leichen gelegen. Eine andere Reisende erklärte, es habe "nirgendwo einen Lastwagen gegeben". Bislang gibt es noch kein Bild des Auto-Wracks. Und die wenigen Fotos, die bisher vom Explosionsort in Umlauf sind, zeigen nicht jene massiven Schäden, die für gewaltige Gasexplosionen typisch sind.

Die tunesische Regierung präsentiert unterdessen immer neue Unfallversionen, die jüngste stammt vom Provinzgouverneur Mohammed Ben Salem: Die Polizei habe einen Gaslaster in der Zufahrt zur Synagoge gestoppt und den Fahrer aufgefordert, zu wenden. Bei diesem Manöver sei der Laster gegen eine Mauer geprallt und daraufhin explodiert. Zuvor hatte es noch offiziell geheißen, der Laster sei mit hoher Geschwindigkeit auf die Synagoge zugefahren, habe das Haltesignal eines Wächters missachtet, und der Fahrer "hat nicht mehr rechtzeitig bremsen können". Eine andere Variante lautete: Der Gaswagen sei bei der Straßendurchfahrt gegen einen Bürgersteig geprallt und außer Kontrolle geraten. Allerdings erklärt die tunesische Regierung nicht, was der von einem arabisch-stämmigen Tunesier gesteuerte Laster voller Gasflaschen bei dem jüdischen Gotteshaus zu suchen hatte. Denn die Synagoge, die im Inselzentrum, abgelegen von der Hauptstraße und am Ende einer Sackgasse liegt, hatte keine Gaslieferung bestellt.

Die westlichen Geheimdienste sind sich offenbar darüber einig, dass alle Indizien auf eine Terrorattacke islamistischer Terroristen hinweisen. Nach Meldungen der amerikanischen sowie der israelischen Sicherheitsbehörden sickerte nun auch vom deutschen Bundesnachrichtendienst durch, dass es sich "höchstwahrscheinlich um einen antisemitischen Anschlag" gehandelt habe.

Das Auswärtige Amt in Deutschland schloss am Samstag ebenfalls einen terroristischen Hintergrund nicht mehr aus. Es wies jedoch eine Meldung des Nachrichtenmagazins "Focus" zurück, Augenzeugenberichte aus Djerba würden unter Verschluss gehalten. Aus dem Ministerium heißt es, alle Informationen und Berichte würden umgehend an das Bundeskriminalamt weitergeleitet.

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